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Multiple Sklerose (Encephalomyelitis disseminata)

Bei Multipler Sklerose sollte eine ausgiebige ärztliche Beratung erfolgen

Bei Multipler Sklerose sollte eine ausgiebige ärztliche Beratung erfolgen
(Quelle: Bananastock)

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), bei der sowohl Gehirn als auch Rückenmark betroffen sein können. Die Bezeichnung Multiple Sklerose stammt aus dem Lateinischen und Griechischen. Sie beschreibt den Krankheitszustand: nämlich mehrfache (multiple) Vernarbungen, also Verhärtungen (Sklerose), die aus vorangegangenen Entzündungen resultieren. Ärzte sprechen auch von der Encephalomyelitis disseminata (ED), was übersetzt bedeutet: Entzündung, die im Gehirn und Rückenmark verstreut auftritt.

Eine Erstmanifestation der Multiplen Sklerose findet meist im Alter zwischen 20 und 40 statt. Oft vergehen jedoch einige Jahre bis zur sicheren Diagnosestellung. In Deutschland leiden schätzungsweise 120.000 Menschen an MS. Weltweit wird die Zahl der Betroffenen auf 2,5 Millionen geschätzt.


Ursachen der Multiplen Sklerose

Bis heute sind die Ursachen der Multiplen Sklerose unbekannt. Es gab in der Vergangenheit eine Reihe von Vermutungen, jedoch konnte keine von diesen wissenschaftlich bestätigt werden. Daher wird mittlerweile davon ausgegangen, dass die Erkrankung einen komplexen Ursprung hat. Sicher scheint, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren die Wahrscheinlichkeit an Multipler Sklerose zu erkranken und auch den Verlauf der Krankheit beeinflussen.

Unser Gehirn stellt eine Art Schaltzentrale dar, in der Signale über das Rückenmark zum Körper gesendet und empfangen werden. Diese Signale werden von verschiedenen Nervenfasern geleitet, die ähnlich wie elektrische Kabel von einer Schutzschicht aus Myelin isoliert werden. Im Gehirn und/oder Rückenmark finden sich bei Multipler Sklerose Entzündungsherde, durch die das Myelin zerstört wird. Diese Entzündungen bilden sich später narbig zurück und verhärten bzw. sklerosieren. In der Regel erfolgt dies an vielen, weit verstreuten Stellen im Nervensystem. Durch die Entzündung und Verhärtung gehen Nervenzellen zugrunde, die sich nicht regenerieren können. Dadurch entstehen Läsionen im Gehirn und/oder Rückenmark, die meist großflächig verstreut als so genannte Plaques (Entmarkungsherde) zu finden sind. Das Nervensystem kann dadurch Befehle nicht mehr weiterleiten und es kommt zu den unterschiedlichsten Störungen wie beispielsweise Missempfindungen, Sehstörungen u.ä. Deswegen zählt man die Multiple Sklerose zu den so genannten Entmarkungskrankheiten.

Häufig wurde vermutet, dass ein bestimmter Erreger die Multiple Sklerose verursacht, dieser konnte jedoch nie gefunden werden. Gesichert ist nur, dass das Immunsystem bei MS fehlgesteuert ist und deshalb Antikörper bildet, die sich an die Schutzhüllen der Nervenfasern anlagern und diese schädigen und zerstören. MS wird deshalb häufig den Autoimmunerkrankungen zugeordnet. Die Ursache für diese Fehlsteuerung ist jedoch nicht bekannt.


Symptome bei Multipler Sklerose

Die Symptome der Multiplen Sklerose können sehr unterschiedlich sein. Allerdings gibt es bestimmte Symptome, die sich in fast allen fortgeschrittenen Fällen von MS finden. Hierzu zählen:

  • spastische Lähmungen
  • Gang- und Sehstörungen
  • Doppelbilder
  • Schwindel
  • Missempfindungen
  • Blasenstörungen
  • Müdigkeit
  • depressive Verstimmungen
  • Schmerzen

Von der Spastik sind die Beine bei Multipler Sklerose meist stärker als die Arme betroffen. Besonders auffällig ist häufig ein schwankendes (ataktisches) Gangbild mit Spitzfußstellung aufgrund der Lähmung.

Koordinationsstörungen beeinflussen häufig auch die Sprechmuskulatur, sodass Betroffene langsam, abgehakt und verwaschen sprechen (skandierende Sprache). Außerdem ist häufig der Sehnerv betroffen, weshalb viele Erkrankte eine Sehnerventzündung erleiden, oft sogar als erstes bedeutendes Krankheitsmerkmal.


Treten vorher nicht vorhandene Störungen und Ausfälle aufgrund eines (oder mehrerer) akuten Entzündungsherds auf, die mindestens 24 bis 48 Stunden bestehen bleiben, spricht man bei Multipler Sklerose von einem Schub. Dieser kommt nicht plötzlich, wie beispielsweise ein epileptischer Anfall, sondern entwickelt sich über mehrere Tage oder Wochen und klingt nach einiger Zeit auch wieder ab. Nach dem Schub kann der Betroffene wieder beschwerdefrei werden oder es bleiben Symptome durch die narbig abgeheilten Entzündungen im Nervengewebe zurück.


Es gibt unterschiedliche Verlaufsformen der Multiplen Sklerose. Diese werden in der Regel in drei Formen eingeteilt, wobei auch Zwischenformen möglich sind.

Die häufigste Form der Multiplen Sklerose ist die schubförmige Verlaufsform, bei der sich die Symptome nach den Schüben gut zurückbilden. Sie betrifft mehr als 80 Prozent der Erkrankten. Die Schubhäufigkeit in den ersten fünf Krankheitsjahren beträgt 0,5 Schübe pro Jahr, in den folgenden zwei Fünfjahresgruppen nur noch circa die Hälfte. Nach zehn oder mehr Jahren geht dieser Verlauf meistens in den chronisch-progredienten Verlauf über.

Bei der chronisch-progredienten Verlaufsform der Multiplen Sklerose nehmen die Symptome zusätzlich zu den Schüben allmählich über Monate und Jahre an Intensität zu (sekundär chronische Progression) und führen oft zu einer zunehmenden Behinderung. Häufig wird diese Form auch als zweites Stadium der Multiplen Sklerose bezeichnet.

Die primär chronische Verlaufsform der Multiplen Sklerose ist sehr selten und betrifft maximal zehn Prozent der Erkrankten. Hierbei verschlechtern sich die Symptome von Anfang an fortlaufend, ohne sich zwischenzeitlich zurückzubilden.


Diagnose durch den Neurologen

Die Diagnose der Multiplen Sklerose wird von einem Neurologen anhand der Krankengeschichte, der auftretenden Symptome und einer neurologischen Untersuchung gestellt. Dazu gibt es eine Reihe von Tests und Untersuchungen, die ihm Aufschluss über eventuell bestehende Läsionen im zentralen Nervensystem geben.

Eine der wichtigsten Untersuchungen ist die Liquorpunktion, bei der dem Betroffenen Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) entnommen und untersucht wird. Dabei können bestimmte für Multiple Sklerose typischen Veränderungen nachgewiesen werden. Allerdings trifft dies nicht in allen Fällen zu. Mithilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) können Läsionen im Gehirn und/oder Rückenmark nachgewiesen werden. Weitere Untersuchungen, die unter anderem Aufschluss über eine Multiple Sklerose geben können sind unter anderem:

  • Computertomographie (CT)
  • Perimetrie (Verfahren zur Bestimmung des Gesichtsfelds)
  • Myelographie (Untersuchung zur Darstellung des Raums zwischen Rückenmark und Hirnhäuten)
  • Elektroenzephalographie (Messung von Potenzialen im Gehirn)
  • evozierte Potenziale (Messung der Funktionsfähigkeit von Nervenbahnen)

Die Diagnose der Multiplen Sklerose ist immer eine Differentialdiagnose, da es keine eindeutigen Kriterien gibt, welche die Diagnose bestätigen könnten. Dies bedeutet, dass immer eine Reihe von Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen werden müssen. Ähnliche Symptome treten beispielsweise bei Tumoren des Rückenmarks, Infektionskrankheiten wie Borreliose und Toxoplasmose sowie genetisch bedingten Myelinerkrankungen auf.


Therapie: Medikamente und konservative Behandlung der MS

Multiple Sklerose gilt heute immer noch als unheilbar. Zur Therapie gibt es jedoch eine Reihe von Medikamenten, die den Entzündungsprozess verlangsamen. Bewährt hat sich hierbei während des akuten Schubs Kortison, das sowohl eine entzündungshemmende als auch eine das Immunsystem unterdrückende (immunsupressive) Wirkung hat. Auch deutet immer mehr darauf hin, dass Zytokine (körpereigene Substanzen, die dem Immunsystem helfen andere Zellen zu aktivieren) bei der Entwicklung von Läsionen eine zentrale Rolle spielen. Die Zytokine, die sich bei Multipler Sklerose am besten als Therapeutika bewährt haben, sind die Interferone. Auch die immunmodulatorische Therapie wird heute häufig bei Multipler Sklerose eingesetzt. Dabei wird, beispielsweise durch die Gabe von Interferonen oder Glatiramerazetat, das Immunsystem zeitweise angeregt. Eine neuere Therapieoption bei Multipler Sklerose ist die Plasmapherese (Blutwäsche), die allerdings nur unter bestimmten Vorraussetzungen in Frage kommt.

Auch die symptomatische Therapie, welche die Beschwerden der Multiplen Sklerose lindern soll, spielt eine wichtige Rolle. Bei dieser werden beispielsweise durch die Inaktivität des Erkrankten entstehende Komplikationen, wie beispielsweise Atemwegs- und Harnwegsinfektionen, medikamentös behandelt. Auch die Spastik kann durch Medikamente, so genannte Muskelrelaxantien, gehemmt werden. Hier ist die so genannte intrathekale Baclofentherapie eine gute Möglichkeit der Behandlung.

Ein wichtiger Teil der Therapie ist die konservative Behandlung mit Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Diese Behandlungen können muskuläre Probleme lindern, beheben oder vorbeugen. Folgeerscheinungen durch Immobilität soll vorgebeugt und noch vorhandene Fähigkeiten erhalten werden. Hierfür gibt es eine Reihe von speziellen Therapiearten, wie beispielsweise das Bobath-Konzept (auf neurophysiologischer Basis), die Hippotherapie (therapeutisches Reiten) und Beckenbodengymnastik, aber auch Entspannungstechniken wie Yoga oder Autogenes Training.


Verlauf der MS ist abhängig von der Form

Der Verlauf der Multiplen Sklerose ist unter anderem von ihrer Form abhängig. Betroffene haben aber heute aufgrund der ärztlichen Versorgung und den verfügbaren Hilfsmitteln eine normale Lebenserwartung. Nur in sehr seltenen Fällen, wenn eine Entzündung im Atemzentrum zu einer Atemlähmung führt, kann sie zum Tod führen. Eine Therapie, welche die Krankheit heilt, existiert allerdings immer noch nicht. Die Betroffenen müssen mit der Krankheit und den daraus resultierenden Einschränkungen leben, da Symptome nur gelindert werden können.

Für viele Erkrankte ist die Unvorhersehbarkeit der Erkrankung eine enorme Belastung. In Deutschland gibt es ebenso wie in vielen anderen europäischen Ländern jedoch zahlreiche Verbände und Selbsthilfegruppen, in denen sich Betroffene austauschen können und Hilfe in rechtlichen Angelegenheiten finden.


Kann man Multipler Sklerose vorbeugen?

Da die Ursachen der Multiplen Sklerose noch unklar sind, ist es auch nicht möglich ihr vorzubeugen. Allerdings kann der Krankheitsverlauf der Multiplen Sklerose durch einen frühen Einsatz der Therapie beeinflusst werden. Je früher adäquate Therapiemaßnahmen einsetzen, desto eher kann das Fortschreiten der Multiplen Sklerose verzögert werden.

Wodurch die Schübe bei Multipler Sklerose ausgelöst werden, ist noch unbekannt. Allerdings fördern offensichtlich Faktoren wie Stress und eine negative Lebenseinstellung das Entstehen eines neuen Schubes und sollten deshalb vermieden werden. Die meisten Menschen mit Multipler Sklerose können außerdem keine Hitze vertragen und sollten diese auch meiden. Außerdem sollte eine gesunde, ausgewogene Ernährung eingehalten werden.


Weitere Informationen finden Sie bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft.

Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen in unserem Wartezimmer Rund um die Nerven aus.


Quellen:
Kesselring, J.: Multiple Sklerose. Kohlhammer, Stuttgart 2005
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/050 (Stand: Oktober 2004)

 

Autor: Miriam Funk 
Letzte Änderung am: 12.03.2014
 
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