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Schilddrüsenkrebs (Schilddrüsenkarzinom)

Die Schilddrüse ist Teil des Endokrinen Systems und befindet sich unterhalb des Kehlkopfs

Die Schilddrüse ist Teil des Endokrinen Systems und befindet sich unterhalb des Kehlkopfs
(Quelle: LifeART)

Unter Schilddrüsenkrebs (Schilddrüsenkarzinom) versteht man eine bösartige Erkrankung der Schilddrüse, die von verschiedenen in der Schilddrüse vorkommenden Zelltypen ausgehen kann. Der Schilddrüsenkrebs ist in Deutschland relativ selten. Pro Jahr gibt es etwa 5.000 Neuerkrankungen. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Der Alterdurchschnitt liegt bei etwa 50 bis 60 Jahren.

Anatomie der Schilddrüse

Die Schilddrüse (Glandula thyreoidea) liegt unterhalb des Kehlkopfs und reguliert die Stoffwechselfunktionen des Körpers. Sie wiegt etwa 30 Gramm und besteht aus zwei Lappen (Lobuli) und einem Zwischenstück (Isthmus).

Die Follikelzellen der Schilddrüse produzieren die Hormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4), welche die Funktion verschiedener Körperorgane beeinflussen. Um Schilddrüsenhormone herstellen zu können, benötigt die Schilddrüse Jod, das von außen mit der Nahrung zugeführt wird. Die Produktion der Schilddrüsenhormone wird vom Gehirn aus gesteuert. Der so genannte Hypothalamus bildet das Thyreotropin Releasing Hormone (TRH). Je mehr hiervon auf die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) wirkt, umso mehr wird dort das Thyreoidea Stimulating Hormone (TSH) hergestellt. Dieses hat wiederum Einfluss auf die Schilddrüse: Je mehr TSH vorhanden ist, desto mehr T3 und T4 werden gebildet. Ist zuviel T3 und T4 im Blutkreislauf vorhanden, werden weniger TSH und TRH ausgeschüttet.

Die medullären oder C-Zellen der Schilddrüse bilden Calcitonin und sind mitverantwortlich für die Regulation des Kalzium-Haushalts des Körpers. Sie liegen vereinzelt zwischen den Follikelzellen.

Formen von Schilddrüsenkrebs

Etwa 75 Prozent der Schilddrüsenkarzinome gehen von den Follikelzellen aus, sie werden als differenzierte Karzinome bezeichnet. Den Großteil hiervon bildet mit etwa 50 Prozent das papilläre Karzinom, das vor allem zwischen 30 und 40 Jahren auftritt. Etwa 25 Prozent sind follikuläre Karzinome. Sie betreffen gehäuft Menschen um das 50ste Lebensjahr.

In etwa zehn Prozent der Fälle geht der Schilddrüsenkrebs von den C-Zellen aus und wird als medulläres oder C-Zell-Karzinom bezeichnet. Das undifferenzierte oder anaplastische Karzinom macht etwa fünf bis zehn Prozent der Fälle mit Schilddrüsenkrebs aus. Es ist keinem Zelltyp zuzuordnen und tritt fast ausschließlich jenseits des 50. oder 60. Lebensjahres auf.


Wie entsteht Schilddrüsenkrebs?

Die genauen Ursachen von Schilddrüsenkrebs sind nicht bekannt. Einige Faktoren können seine Entstehung fördern. Beispielsweise erkranken Menschen öfter, die im Kindesalter häufig Kontakt mit Röntgenstrahlen hatten. Auch über lange Zeit bestehender Jodmangel, der dazu führt, dass sich die Schilddrüse vergrößert, kann die Entstehung von Schilddrüsenkrebs fördern.

Im Schilddrüsengewebe können über Jahre hinweg so genannte kalte Knoten wachsen. Diese Knoten bilden keine Hormone und können in manchen Fällen bösartig werden. Bei den medullären Karzinomen besteht in etwa 30 Prozent der Fälle eine familiäre Veranlagung für die Erkrankung. Manchmal wird bei diesen Betroffenen das MEN2-Syndrom diagnostiziert. MEN steht für Multiple Endokrine Neoplasien und beschreibt eine Erkrankung, bei der verschiedene gut- und bösartige Erkrankungen der Drüsen auftreten. Hierzu zählen neben dem C-Zell-Karzinom das gutartige Phäochromozytom der Nebenniere und eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen (Hyperparathyreoidismus).


Wie äußert sich Schilddrüsenkrebs?

Schilddrüsenkrebs kann sich durch eine Vergrößerung der Schilddrüse äußern. Normalerweise ist die Schilddrüse von außen nicht zu sehen. Ist sie vergrößert, wird sie sichtbar und dann als Struma oder Kropf bezeichnet. In vielen Fällen entsteht ein Kropf dadurch, dass die Schilddrüse zu wenig Jod zur Verfügung hat, um genügend Schilddrüsenhormon herzustellen. Den Mangel versucht sie dadurch auszugleichen, dass sie vermehrt Hormone bildet und deshalb größer wird.

Entsteht ein Kropf sehr schnell oder nimmt ein bestehender Kropf rasch an Größe zu, können dies Anzeichen für die Erkrankung an Schilddrüsenkrebs sein. Auch tastbare Knoten innerhalb des Schilddrüsengewebes oder vergrößerte Lymphknoten im Halsbereich sind verdächtig. Eine vergrößerte Schilddrüse kann Druckgefühl, Schluckbeschwerden und Luftnot verursachen. Ebenso kann sie auf die benachbarten Nerven drücken und Heiserkeit oder Hustenreiz hervorrufen.

Beim medullären Karzinom wird vermehrt Calcitonin gebildet. Hierdurch kommt es zu Veränderungen des Blutbilds mit erhöhten Kalziumwerten.


Wie wird Schilddrüsenkrebs diagnostiziert?

Um Schilddrüsenkrebs zu diagnostizieren, ist zunächst das ausführliche Arztgespräch (Anamnese) wichtig. Es folgt die gründliche körperliche Untersuchung. In manchen Fällen ist ein Schilddrüsenknoten sicht- oder tastbar. Im Blut können die so genannten Schilddrüsenwerte, also TSH, T3 und T4 erhöht sein, beim medullären Karzinom das Kalzium.

Durch die Ultraschall-Untersuchung (Sonographie) kann man die Struktur des Gewebes beurteilen, beispielsweise kann der Untersucher Knoten entdecken und von diesen mit einer feinen Nadel Proben (Biopsie) zur weiteren Untersuchung entnehmen. Die Entnahme ist nahezu schmerzlos. Die Proben werden im Labor mikroskopisch untersucht. So kann man feststellen, ob die entnommenen Zellen tatsächlich bösartig sind und um welche Art von Krebs es sich handelt. In manchen Fällen lassen die entnommenen Zellen nicht sicher schließen, ob der Knoten bösartig ist oder nicht. In diesen Fällen wird der Knoten operativ entfernt.

Bei der Szintigraphie der Schilddrüse wird zunächst ein Kontrastmittel verabreicht, das etwas radioaktiv ist. Das Kontrastmittel reichert sich vor allem in der Schilddrüse an. Mit einer Art Geigerzähler kann anschließend gemessen werden, wie viel Kontrastmittel sich wo gesammelt hat. Diese Informationen werden auf einem Bild sichtbar gemacht. Knoten, die mehr oder weniger Kontrastmittel speichern als andere Stellen, sind so gut erkennbar. So genannte "kalte Knoten" mit weniger Kontrastmittel-Speicherung sind eher krebsverdächtig als "heiße Knoten" und müssen weiter untersucht werden.

Mithilfe der beschriebenen bildgebenden Verfahren und weiterer Untersuchungen werden die Schilddrüse selbst und andere Organe untersucht, um festzustellen, ob der Krebs gestreut hat und Tochtergeschwulste (Metastasen) vorliegen. Hierzu zählen eine Röntgen-Untersuchnung der Lunge, eine Kehlkopfspiegelung, Computertomographie (CT) und Magnetresonanz-Tomographie (MRT).


Wie behandelt man Schilddrüsenkrebs?

Die Therapie des Schilddrüsenkarzinoms besteht je nach Tumorart aus Operation, Hormontherapie und Bestrahlung auch in Form der Radiojodtherapie. Die Chemotherapie spielt eine eher untergeordnete Rolle und wird vor allem dann eingesetzt, wenn Tochtergeschwulste (Metastasen) vorliegen. Welche Therapie im Einzelfall die beste ist, wird vom Betroffenen gemeinsam mit dem Chirurgen, Nuklearmediziner, Strahlentherapeuten und Stoffwechselexperten getroffen.

Die differenzierten Karzinome werden meist operiert. In vielen Fällen werden die gesamte Schilddrüse und die sie umgebenden Lymphknoten entfernt. Die Lymphknoten werden daraufhin untersucht, ob sie von Krebszellen befallen sind. Ist dies der Fall, müssen die gesamten Lymphknoten einer Halsseite operativ entfernt werden (Neck dissection). In seltenen Fällen ist der Tumor kleiner als einen Zentimeter. In diesen Fällen kann es ausreichend sein, die halbe Schilddrüse zu entfernen (Hemithyreoidektomie).

Der Operation folgt meist nach etwa vier Wochen die Radiojodtherapie. Hierbei wird den Betroffenen radioaktiv markiertes Jod verabreicht. Dieses lagert sich in der Schilddrüse und Tochtergeschwulsten ab und zerstört durch die Strahlung die Krebszellen. Wurde die Schilddrüse entfernt, müssen die Behandelten lebenslang Schilddrüsenhormone in Form von Tabletten einnehmen, um mit den lebenswichtigen Hormonen versorgt zu werden.

Die anaplastischen Karzinome haben zum Zeitpunkt der Diagnose meist schon Tochtergeschwulste gebildet. Sie werden in erster Linie operiert, um den Tumor zu verkleinern und damit Symptome zu lindern. Außerdem ist es möglich, den Tumor von außen durch die Haut (perkutan) zu bestrahlen. Liegt ein medulläres Karzinom der Schilddrüse vor, werden Schilddrüse und Lymphknoten vollständig entfernt, es folgt die perkutane Bestrahlung. Die Radiojodtherapie ist bei den anaplastischen und medullären Karzinomen nicht sinnvoll, da sie kein Jod speichern.


Wie ist der Verlauf von Schilddrüsenkrebs?

Je nach Art des Tumors unterscheiden sich der Verlauf und die Prognose bei Schilddrüsenkrebs.

Differenzierte Schilddrüsenkarzinome haben sehr gute Heilungsaussichten. Zehn Jahre nach Diagnose der Erkrankung leben beim papillären Karzinom noch über 90 Prozent der Betroffenen, beim follikulären über 80 Prozent. Das papilläre Karzinom bildet vor allem in den Lymphknoten in der Nähe der Schilddrüse Tochtergeschwulste, das follikuläre Karzinom dagegen selten. Es bildet so genannte Fernmetastasen in der Lunge und in den Knochen. In der Nachsorge der differenzierten Karzinome wird das Thyreoglobulin im Blut als Tumormarker bestimmt.

Undifferenzierte Schilddrüsenkarzinome sind sehr bösartig, häufig sind bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung Lymphknoten- und Fernmetastasen vorhanden. Der Großteil der Betroffenen lebt zwei Jahre nach der Diagnosestellung nicht mehr. Durch die Behandlung können Symptome jedoch deutlich gelindert und die Lebensqualität verbessert werden.

Die Prognose des medullären Schilddrüsenkarzinoms ist unterschiedlich und davon abhängig, wie groß der Tumor war und ob Tochtergeschwulste vorhanden waren. Die Zehn-Jahres-Überlebensrate ist sehr hoch. Zur Verlaufskontrolle wird das Kalzitonin im Blut als Tumormarker bestimmt. Um zu bestimmen, ob das medulläre Karzinom im Rahmen einer Erbkrankheit aufgetreten ist, wird ein Gentest durchgeführt. Ist dies der Fall, müssen auch Familienmitglieder untersucht werden.


Wie kann man Schilddrüsenkrebs vorbeugen?

Sichere vorbeugende Maßnahmen gegen Schilddrüsenkrebs sind nicht bekannt. Soweit wie möglich sollten auslösende Faktoren gemieden werden. Beispielweise sollte man auf eine ausreichende Jodzufuhr mit der Nahrung achten. Vor allem in Seefisch ist Jod enthalten, auch sollte man jodiertes Speisesalz verwenden. Überflüssigen Kontakt mit ionisierenden Strahlen sollte man vermeiden. Beispielsweise ist es sinnvoll, einen Röntgenpass zu führen, um nicht notwendige oder doppelte Röntgen-Untersuchungen und damit erhöhte Strahlendosen zu umgehen.


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Quellen:
Online-Informationen der Deutschen Krebshilfe. Schilddrüsenkrebs. Die Blauen Ratgeber Nr. 9. (Stand März 2008)
Schriftenreihe des Tumorzentrums Heidelberg/Mannheim: Das Schilddrüsenkarzinom. Empfehlungen für eine standardisierte Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Tumorzentrum Heidelberg/Mannheim 2003

 

Autor: Dr. med. Ulrike Henning 
Letzte Änderung am: 10.08.2009
 
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