Menschenbild
Das anthroposophisches Menschenbild hat im Verlauf der von uns überschaubaren Geschichte viele Veränderungen erfahren. Während in früherer Zeit der religiöse Bezug eine große Rolle spielte bei der Frage, was der Mensch eigentlich darstellt, ist in heutiger Zeit die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise vorherrschend.
Die anthroposophische Menschenkunde versucht die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise durch sogenannte geisteswissenschaftliche Forschungen zu ergänzen. Das dabei entstehende anthroposophische Menschenbild wurde von Rudolf Steiner Anfang des letzten Jahrhunderts in zahlreichen Büchern und Vorträgen von verschiedenen Seiten erläutert. Je nach Blickrichtung stellt sich dieses Menschenbild zunächst verschieden dar, ähnlich wie ein betrachtetes Haus von der einen Seite vielleicht dreigegliedert erscheint und von oben betrachtet viergliedrig aussehen kann. Je nach Aspekt (Blickrichtung) sind zu diesem anthroposophischen Menschenbild verschiedenartige Äußerungen getätigt worden, ohne dass dadurch die Aussagen notwendigerweise widersprüchlich sein müssen.
Zwei Blickrichtungen (Aspekte) sind beim anthroposophischen Menschenbild besonders bekannt geworden und spielen in der anthroposophischen Medizin eine wichtige Rolle.
die Dreigliederung des Menschen und
die vier Wesensglieder des Menschen.
Dreigliederung
Die Dreigliederung des Menschen im anthroposophischen Menschenbild beschreibt drei Bereiche des Menschen:
die Nerven-Sinnes-Organisation, die vornehmlich im Kopf und in übrigen Nervengebieten beheimatet ist, sodann
die rhythmische Organisation, die vor allem im Brustkorb ihren Hauptsitz hat und
den Stoffwechsel-Gliedmaßen-Bereich des Menschen, der in den Bauchorganen und eben in Armen und Beinen anzutreffen ist.
Diesen drei Wesensgliedern entsprechen drei Seelenqualitäten:
das Denken dem Nerven-Sinnes-Bereich
das Fühlen dem rhythmischen Bereich sowie
das Wollen beziehungsweise Handeln dem Stoffwechsel-Gliedmaßen-Bereich.
Die drei genannten Bereiche sind nicht isoliert voneinander zu denken, sondern durchdringen sich gegenseitig. So ist der Nerven-Sinnes-Bereich bis in die kleinsten Verästelungen überall im Organismus mit wirksam, und eben nur konzentriert vor allem im Kopfe lokalisiert, die rhythmischen Vorgänge finden sich auch nicht nur im Brustkorb, sondern letztendlich im gesamten übrigen Organismus in vielfacher Art und Weise, und auch die Stoffwechselvorgänge finden sich im gesamten Organismus, wenngleich sie ihren Hauptsitz in den Bauchorganen haben.
So wie der Nerven-Sinnes-Bereich wie ein Netzwerk den gesamten Körper auf vielfältige Art und Weise durchzieht, so kann auch das auf den Nerven-Sinnes-Bereich sich stützende Denken ein fast unendlich großes Netzwerk sich gegenseitig stützender und ergänzender Gedanken bilden.
Und so wie Herz und Lunge mit Anspannung und Erschlaffung (Herz) beziehungsweise mit Einatmung und Ausatmung (Lunge) jeweils entgegengesetzte Vorgänge ausführen (polare Tätigkeit), so ist das daran sich anlehnende Gefühl ebenfalls polar angelegt: Liebe-Hass, Antipathie-Sympathie, Freude-Traurigkeit und so weiter.
Und so wie der Stoffwechsel letztendlich zielgerichtet Stoffwechselprodukte hervorbringt, so sind die daran sich anlehnenden Handlungsimpulse ebenso eine in eine Richtung zielgerichtete fortwirkende Kraft, die Veränderungen bewirkt.
Dreigliederung des Menschen und anthroposophische Medizin
Die Betrachtung des Menschen unter dem Blickwinkel der Dreigliederung stellt in der anthroposophischen Medizin eine große Hilfe dar, Krankheitszustände Funktionsstörungen des menschlichen Organismus zu verstehen und therapeutisch anzugehen.
Viergliederung
Die Viergliederung des Menschen (die vier Wesensglieder) im anthroposophischen Menschenbild ergibt sich aus folgendem Aspekt der Menschenbetrachtung.
Physischer Körper
So wird
zunächst einmal vom physischen Körper gesprochen, ebenso
wie es auch sonst materielle Körper auf der Erde gibt (Steine,
Wasser, Holz). Dieser physische menschliche Körper könnte
jedoch aus sich heraus nicht leben, dazu bedarf es eines weiteren
Wesensgliedes, welches alle Lebewesen auf der Erde haben und das am
klarsten bei den Pflanzen zu Tage tritt.
Ätherleib
Dieses Wesensglied,
welches Lebensleib oder Ätherleib genannt wird, durchdringt
den physischen Körper und bewirkt die Lebensvorgänge.
Während etwa beim Stein die Form des Steines und seine
Zusammensetzung hinreichend erklärt werden können
ausschließlich durch die Atom- und Molekülkräfte
der Mineralien, die den Stein zusammensetzen, so ist dies bei den
Pflanzen nicht mehr der Fall.
Pflanzenform und Pflanzenwachstum kann nach anthroposophischer
Anschauung nicht aus den Molekülkräften beziehungsweise
kann nicht ausschließlich physikalisch-chemisch erklärt
werden, wenngleich der so genannte Lebensleib oder der
Ätherleib sich auch der physikalischen und chemischen
Kräfte bedient. So ist nach anthroposophischer Auffassung etwa
eine Rose nur aus dem Zusammenwirken von physischem Leib und
Ätherleib erklärbar, während ein Edelstein rein aus
physischen Gründen hinreichend beschrieben werden kann.
Dass es fast jedem Menschen ohne besondere Vorkenntnis gelingt,
anhand der sichtbaren Formen zu unterscheiden, zwischen
Materialien, die niemals gelebt haben und Körpern, die Leben
in sich tragen bzw. die einmal gelebt haben, entspricht diesem
Unterschied zwischen Lebewesen und Nicht-Lebewesen.
Astralleib
Neben dem physischen Leib und
dem Ätherleib wird in der Anthroposophie als nächstem
Wesensglied vom so genannten Astralleib gesprochen, den sowohl
Menschen wie auch Tiere haben. Der Astralleib vermittelt die
Beseelung der Lebewesen. Dabei bedeutet Beseelung, dass solche
Lebewesen Gefühle wie Freude, Aggression, Trauer usw. in sich
tragen. Diese Beseelung ist überall da anzutreffen, wo sich
innere Hohlräume durch Einstülpung während der
embryonalen Wachstumsphase entwickelt haben, was im Pflanzenreich
nicht vorkommt - höchstens angedeutet in der
Blütenbildung.
Der Astralleib sorgt also für die Ausbildung von
Innenräumen und damit für Beseelung der Lebewesen. So wie
der Ätherleib den physischen Leib durchdringt, so tut dies
auch der Astralleib. Damit hängt zusammen, dass wir unseren
Organismus und uns selbst auch fühlen können.
Das Ich
Als viertes Wesensglied wird von
der Anthroposophie das Ich des Menschen als geistiger Wesenskern
beschrieben, welchen die Tiere so nicht entwickelt haben. Auch das
Ich des Menschen durchzieht alle anderen Wesensglieder und
lässt uns eine eigene Identität in leiblicher, seelischer
und geistiger Hinsicht gewahr werden. Das Ich des Menschen wird in
der anthroposophischen Menschenkunde nicht als körperlich
produziert von Nervenvorgängen oder als abhängig von
körperlichen Vorgängen angesehen, sondern es wird ihm
eine freie Tätigkeit zugeschrieben, die sich der anderen
Wesensglieder inklusive der körperlichen Vorgänge
bedient. So werden etwa schöpferische Gedanken nicht als
Produkt von Gehirnvorgängen gesehen, sondern eben als
Gedankeneinfall, der vom Gehirn in der Gedankenwelt ebenso
wahrgenommen wird wie das Auge Seheindrücke seiner Umgebung
erhält. Ebenso wie ein schadhaftes Auge die Seheindrücke
beeinträchtigen kann, so können Veränderungen der
physiologischen Gehirnabläufe durch Krankheit und Verletzung
die Wahrnehmung von Gedanken behindern.
Diese viergliedrige Betrachtungsweise des Menschen spielt in der Anthroposophischen Medizin hinsichtlich der Diagnostik und Therapie ebenso wie die Dreigliederung eine große Rolle. Neben der Dreigliederung und der Viergliederung des Menschen gibt es weitere Gliederungsmöglichkeiten in der anthroposophischen Menschenkunde. Allen gemeinsam ist die Gewissheit, dass der Mensch einmal der physischen Welt mit all ihrer Vergänglichkeit angehört und zum anderen eben auch einer geistigen Welt, die auf Dauer angelegt ist und nicht der physischen Vergänglichkeit zugehörig ist.
Autor: Qualimedic.de
Letzte Änderung am: 04.12.2007
