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Binge-Eating-Störung (Binge-Eating-Disorder)

 Menschen mit einer Binge-Eating-Störung essen überwiegend dann, wenn sie allein sind

Menschen mit einer Binge-Eating-Störung essen überwiegend dann, wenn sie allein sind
(Quelle: DAK/Wigger)

Die Binge-Eating-Störung bezeichnet eine Essstörung. Personen, die unter dieser Krankheit leiden verzehren innerhalb einer bestimmten Zeit ungewöhnlich große Mengen an Essen. In diesen Perioden von Fressanfällen verspüren sie keinerlei Kontrolle mehr über ihr Handeln. Im Gegensatz zur Bulimie versuchen Personen mit einer Binge-Eating-Störung allerdings nicht die hohe Kalorienzufuhr durch beispielsweise Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln oder Fasten zu kompensieren. Eine Folge der Binge-Eating-Störung ist daher meist eine enorme Gewichtszunahme. Menschen mit einer Binge-Eating-Störung leiden oft unter Schuldgefühlen oder Depressionen, die durch die wiederholten Essanfälle und die fehlende Kontrolle darüber ausgelöst werden.

Die Definition und Diagnose der Binge-Eating-Störung war lange umstritten. Inzwischen ist die Krankheit jedoch als solche anerkannt und damit behandlungsbedürftig. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung sind heute von der Krankheit betroffen. Dabei weisen zwischen vier und neun Prozent der extrem übergewichtigen (adipösen) Menschen die Binge-Eating-Störung auf. Das Krankheitsbild zeigt sich beinahe zweimal so häufig bei Frauen wie bei Männern.


Was sind die Ursachen der Binge-Eating-Störung?

Zur Entstehung der Binge-Eating-Störung gibt es, wie bei anderen Essstörungen auch, unterschiedliche Erklärungsansätze. Man geht davon aus, dass psychologische Faktoren wie Langeweile, Stress oder emotionale Schwierigkeiten die Krankheit verursachen. Personen mit einer Binge-Eating-Störung versuchen nach Meinung vieler Psychologen diese unangenehmen emotionalen Zustände durch den Essvorgang zu überbrücken. Ernährungspsychologen behaupten, dass ein zu gezügeltes Essverhalten die Ursache für die Heißhungerattacken darstellt. Als Risikofaktoren gelten sexueller Missbrauch, körperliche Vernachlässigung, Durchführen von Diäten, niedriges Selbstwertgefühl, hohe Bedeutsamkeit von Figur und Gewicht und sozialer Druck, dünn zu sein, negative Lebensereignisse und mangelnde soziale Unterstützung.


Welche Symptome treten bei der Binge-Eating-Störung auf?

Das Hauptsymptom der Binge-Eating-Störung sind die wiederholten Fressanfälle. Man spricht von einem Fressanfall, wenn in einer bestimmten Zeit eine Menge an Nahrung zu sich genommen wird, die bedeutend größer ist, als die Nahrungsmenge, die andere Menschen in einer vergleichbaren Zeitspanne zu sich nehmen könnten oder würden. Personen mit der Binge-Eating-Störung essen wesentlich schneller als normal und hören auch nicht auf zu essen, selbst wenn ein unangenehmes Völlegefühl oder Übelkeit eintritt. Während der Essattacken erleben sie einen Kontrollverlust, bei dem sie das Gefühl haben nicht mehr mit dem Essen aufhören zu können. Nach einer solchen Heißhungerattacke fühlen sich die Betroffenen schuldig oder empfinden Ekelgefühle gegenüber sich selbst. Aus diesem Grund essen sie auch vorwiegend, wenn sie alleine sind.

Im Gegensatz zur Bulimie versuchen Personen mit der Binge-Eating-Störung nicht der durch die übermäßige Kalorienzufuhr bewirkten Gewichtszunahme durch irgendwelche Maßnahmen entgegenzuwirken (Erbrechen, Fasten, extremen Sport betreiben oder Abführmittel benutzen).


Wie wird die Binge-Eating-Störung diagnostiziert?

Um die Erkrankung zu diagnostizieren, müssen wiederholte Episoden von Fressanfällen auftreten. Eine Episode von Fressanfällen ist durch die übermäßige Nahrungsaufnahme innerhalb eines bestimmten Zeitraums und den währenddessen erlebten Kontrollverlust gekennzeichnet.

Die Episoden treten zusammen mit wenigstens drei der nachfolgend genannten Symptome auf:

  • Wesentlich schneller essen als normal
  • essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl
  • essen großer Nahrungsmengen, obwohl man sich gar nicht hungrig fühlt
  • alleine essen aus Scham vor anderen aufgrund der großen Menge, die gegessen wird
  • Ekelgefühle gegenüber sich selbst
  • Deprimiertheit oder große Schuldgefühle nach Freßanfällen

Weiterhin beinhaltet die Diagnose einen erheblichen Leidensdruck aufgrund der Essattacken. Die Fressanfälle treten im Durchschnitt an mindestens zwei Tagen in der Woche für mindestens sechs Monate auf.

Eine ausführliche Diagnostik erfolgt anhand von strukturierten Interviews, die von einem Medizinern oder Psychologen durchgeführt werden sollten. Dabei sollte auf zusätzliche Störungen geachtet werden. Oft treten bei Personen mit einer Binge-Eating-Störung parallel Depressionen, Angststörungen, Substanzmissbrauch und -abhängigkeit sowie Persönlichkeitsstörungen auf.

Das Krankheitsbild der Binge-Eating-Störung wird von der Bulimie abgegrenzt, indem überprüft wird, ob die Person kompensatorische Verhaltensweisen, die bei der Bulimie üblich sind, an den Tag legt.


Wie kann die Binge-Eating-Störung behandelt werden?

In der Psychotherapie von Essstörungen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als sehr wirksam herausgestellt. Dabei versucht der Therapeut das Essverhalten und Gewicht der Betroffenen zu normalisieren und dessen Körperwahrnehmung und -akzeptanz zu verbessern. Weiterhin werden die der Störung zugrunde liegenden Problembereiche psychotherapeutisch bearbeitet.

Ein medikamentöser Behandlungsansatz ist die Therapie mit Antidepressiva. Diese wirken allerdings nur kurzfristig gegen die Heißhungerattacken. Langfristig scheint eine Psychotherapie einen größeren Effekt auszuweisen.


Wie ist der Verlauf der Binge-Eating-Störung?

Bei vielen Betroffenen findet eine Normalisierung des Essverhaltens von alleine statt. Die Binge-Eating-Störung ist außerdem gut behandelbar. Ungefähr 80 Prozent der Betroffenen, die sich in eine stationäre Behandlung begeben haben, erleben auch nach ca. sechs Jahren keinen Rückfall.


Wie kann der Binge-Eating-Störung vorgebeugt werden?

Leider gibt es keine vorbeugenden Maßnahmen, die die Entstehung einer Binge-Eating-Störung verhindern könnten.



Quellen:
American Psychiatric Association: Diagnostic Criteria from DSM-IVTM, Washington, DC 2005
Reinecker, H.: Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie: Modelle psychischer Störungen. Hogrefe, Göttingen 2003
Online-Informationen des Beratungs- und Informationsservers zu Essstörungen, http://www.ab-server.de/
WHO: Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, Kapitel V (F), Diagnostische Leitlinien, 2.Auflage, Huber, Bern 1993
Wittchen, H. & Hoyer, J.: Klinische Psychologie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2006

 

Autor: Laura Felten 
Letzte Änderung am: 17.07.2012
 
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