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Reizdarm-Syndrom (Colon irritable)

 Das Reizdarm-Syndrom macht sich durch Stuhlunregelmäßigkeiten bemerkbar – beispielsweise Durchfall

Das Reizdarm-Syndrom macht sich durch Stuhlunregelmäßigkeiten bemerkbar – beispielsweise Durchfall
(Quelle: DAK/Wigger)

Das Reizdarm-Syndrom ist eine funktionelle Störung des Magen-Darm-Trakts. Funktionelle Erkrankungen sind keine Krankheiten im klassischen Sinn. Bei ihnen findet sich keine erkennbare organische Ursache, welche die Symptome erklären könnte. Der Betroffene leidet unter meist krampfartigen Bauchschmerzen, Blähungen, Stuhlunregelmäßigkeiten, Übelkeit und unter Umständen sogar unter depressiven Verstimmungen, die Symptome treten in verschiedenen Kombinationen auf.

Das Reizdarm-Syndrom wird je nach den im Vordergrund stehenden Symptomen in vier Subtypen unterteilt. Unterschieden wird der Diarrhö-Typ (Durchfall steht im Vordergrund), der Obstipations-Typ (Verstopfung steht im Vordergrund), der Schmerz-Typ (Schmerz steht im Vordergrund) und ein Typ, bei dem ein Wechsel zwischen Durchfall (Diarrhö) und Verstopfung (Obstipation) vorliegt.

Ursachen des Reizdarm-Syndroms

Die genaue Ursachen des Reizdarm-Syndroms sind nach dem derzeitigen Stand der medizinischen Forschung noch nicht geklärt. Sicher ist jedoch, dass das Reizdarm-Syndrom nicht von einem einzelnen Faktor ausgelöst wird, sondern verschiedene Faktoren die Erkrankung hervorrufen können.

Veränderte Bewegungsabläufe des Darms

Bei Gesunden wird die Nahrung durch eine charakteristische, immer wiederkehrende Bewegung des Dünndarms in Richtung Dickdarm weitertransportiert. Bei einer Person, die unter dem Reizdarm-Syndrom leidet, zieht sich der Darm hingegen oft in kurz andauernden, schnell aufeinander folgenden Bewegungen zusammen. Wird der Speisebrei zudem zu schnell fortbewegt, kommt es zu Durchfall (Diarrhö). Bei einer zu langsamen Fortbewegung leidet der Betroffene an Verstopfung (Obstipation).

Erhöhte Schmerzempfindlichkeit des Darms

Vermutlich ist für die erhöhte Schmerzempfindlichkeit ein gestörter Informationsaustausch zwischen Darm und Gehirn verantwortlich. Reizdarm-Betroffene empfinden Bewegungen des Darms als schmerzhaft, die Gesunde nicht registrieren.

Psychische Belastung

Die Symptome des Reizdarm-Syndroms treten in Stressphasen des Betroffenen verstärkt auf. Auch Gesunde kennen das Sprichwort "Stress schlägt auf Magen und Darm". In Grenzen ist dies völlig normal - wird die Lebenssituation jedoch beeinträchtigt, wird ein Reizdarm-Syndrom vermutet.

Ernährung

Reizdarm-Betroffene leiden häufig zusätzlich an spezifischer (z.B. auf Laktose) und unspezifischer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit. Ein Ernährungstagebuch kann Aufschluss darüber geben. Auch ein falsches Essverhalten spielt eine Rolle: Der geringe Verzehr von Ballaststoffen oder viele verschiedene Diäten führen zu einem gestörten Darm-Verhalten.

Symptome: Bauchschmerzen, veränderter Stuhlgang

Häufigste Symptome beim Reizdarm-Syndrom sind Bauchschmerzen und -krämpfe sowie Veränderungen im Stuhlgang. Die Beschwerden können bei jedem Betroffenen recht unterschiedlich miteinander kombiniert sein. So leiden manche Erkrankte hauptsächlich unter Blähungen (Meteorismus) oder Durchfall (Diarrhö) und bei anderen steht die Verstopfung (Obstipation) an erster Stelle.

Die Beschwerden sind einzeln betrachtet eher wenig charakteristisch, in ihrer Gesamtheit aber typisch für das Reizdarm-Syndrom:

  • Schmerzen, Krämpfe und Missempfindungen an verschiedenen, häufig wechselnden Stellen des Bauchs, die sich oft nach dem Stuhlgang bessern
  • Durchfall (Diarrhö) oder Verstopfung (Obstipation) oder Wechsel zwischen beidem
  • Veränderte Stuhlzusammensetzung (hart, wässrig oder breiig)
  • Gefühl der inkompletten Stuhlentleerung
  • Schleimbeimengungen im Stuhl
  • Blähungen
  • Gefühl eines Blähbauchs
  • Übelkeit

Aber nicht jeder, der gelegentlich Probleme mit der Verdauung hat, leidet unter dem Reizdarm-Syndrom. Erst, wenn die Beschwerden über einen längeren Zeitraum (mindestens drei Monate) anhalten, wird von einem Reizdarm-Syndrom ausgegangen. Typisch ist, dass sich die Beschwerden in Phasen der Entspannung - zum Beispiel im Urlaub - verbessern und bei starkem Stress verschlimmern. Die meisten Betroffenen sind nachts beschwerdefrei.

Neben den Darmbeschwerden können Beschwerden auftreten, die nicht den Verdauungstrakt betreffen:

  • Seelische Störungen und Erkrankungen (Angst, Depression)
  • Abgeschlagenheit, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen
  • Kopfschmerzen, Migräne und Rückenschmerzen
  • Starke Schmerzen im Unterbauch vor und während der Menstruation

Die Beschwerden des Reizdarm-Syndroms können die Lebensqualität des Betroffenen stark einschränken, sie sind aber nicht lebensbedrohlich.

Diagnose des Reizdarm-Syndroms

Die Diagnose des Reizdarm-Syndroms erfolgt in erster Linie durch ein ausführliches Gespräch über die Beschwerden (Anamnese) mit dem Betroffenen. Es ist hilfreich, wenn der Erkrankte ein Tagebuch über Zeitpunkt, Dauer und Intensität der Beschwerden führt.

Neben der Anamnese erfolgt eine gründliche körperliche Untersuchung: Der Arzt tastet und hört den Bauch ab. Eventuell tastet er mit dem Finger den Enddarm aus (rektale Untersuchung). Meist wird zudem eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt.

Um das Reizdarm-Syndrom von organischen Erkrankungen abgrenzen zu können, ist es sinnvoll, wenn Blut abgenommen wird - anhand des Blutbilds kann der Arzt eine Vielzahl von Krankheiten ausschließen. Darüber hinaus können Urin- und Stuhlproben untersucht werden. Weitere Untersuchungen wie beispielsweise eine Darm- und/oder Magenspiegelung sowie Röntgenuntersuchungen werden nur in wenigen Fällen durchgeführt. Unter Umständen können Tests auf eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit sinnvoll sein.

Therapie: symptomatisch, Ernährungsumstellung

Da es sich beim Reizdarm-Syndrom um eine funktionelle Störung des Verdauungstrakts handelt, deren Ursachen nicht bekannt sind, zielt die Therapie darauf ab, die Beschwerden zu lindern.

Eine zentrale Rolle bei der Behandlung spielt das Verhältnis zwischen Arzt und Erkranktem. Die meisten Betroffenen suchen erst einen Arzt auf, wenn sie schon lange unter den Beschwerden leiden und sich große Sorgen um ihre Gesundheit machen. Ein vertrauensvolles Verhältnis wird aufgebaut, indem der Arzt den Betroffenen ernst nimmt und mit ihm gemeinsam einen Therapieplan aufstellt. Der Arzt erklärt dem Betroffenen die Untersuchungsergebnisse und kann oft die Sorge vor einer lebensbedrohlichen Krankheit nehmen. Vielen Betroffenen hilft eine Ernährungsumstellung. Eine abwechslungsreiche Mischkost mit einem hohen Anteil an Ballaststoffen und viel Flüssigkeit ist ratsam. Zudem empfiehlt es sich, regelmäßig frisches Obst und Gemüse zu essen und Mahlzeiten zu festen Zeiten und nicht unter Zeitdruck einzunehmen.

Bewirken diese Maßnahmen keine hinreichende Linderung der Symptome oder ist dies aufgrund der Anamnese vorhersehbar, kann eine medikamentöse Therapie nötig sein. Welche Medikamente gegeben werden, richtet sich nach den Beschwerden des Betroffenen.

Bei Verstopfung ist eine Ernährungsumstellung langfristig meist hilfreicher als Abführmittel. Nach Absprache mit dem Arzt können jedoch bei besonders hartnäckiger Verstopfung zu Beginn Abführmittel wie zum Beispiel Lactulose oder Pektin eingenommen werden. Durchfall kann mit stuhlganghemmenden Medikamenten (zum Beispiel Loperamid) behandelt werden. Bei Völle- und Druckgefühl kann Pfefferminzöl oder Kümmelöl helfen. Gegen Blähungen kann der Betroffene pflanzliche Präparate (zum Beispiel Kamille oder Fenchel) oder entblähende Wirkstoffe wie Dimeticon einnehmen. Die krampfhaften Bauchschmerzen können durch eine zeitlich begrenzte Gabe von Spasmolytika, also krampflösenden Schmerzmitteln wie Mebeverin oder Butylscopolamin behandelt werden.

Treten die Beschwerden des Reizdarm-Syndroms verstärkt in Zusammenhang mit psychischer Belastung wie Stress auf, sind weitere Maßnahmen ratsam. Es ist hilfreich, wenn der Betroffene versucht, eine ausgeglichene Grundeinstellung zu bewahren und Stress zu vermeiden. Psychopharmaka sollten nur in Absprache mit dem Arzt eingenommen werden. Leidet der Betroffene unter zusätzlichen psychischen Störungen, ist eine Psychotherapie sinnvoll.

Verlauf des Reizdarm-Syndroms

Die Lebensqualität des Betroffenen wird durch das Reizdarm-Syndrom meist über Jahre hinweg beeinträchtigt. In vielen Fällen klingen die Beschwerden zeitweise ab und nehmen dann wieder zu. Nur selten ist ein Betroffener durch eine Therapie ein Leben lang beschwerdefrei. Trotzdem ist das Reizdarm-Syndrom keine schwerwiegende Erkrankung ? die Lebenserwartung der Betroffenen ist nicht eingeschränkt. Viele Betroffene fürchten schwere Folgeerkrankungen wie zum Beispiel Krebs. Diese Befürchtungen sind jedoch grundlos.

Wie kann man vorbeugen?

Dem Reizdarm-Syndrom lässt sich nicht unmittelbar vorbeugen. Es empfiehlt sich, auf eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung und genügend Bewegung zu achten, um für eine gute Verdauung zu sorgen.

Sie haben noch weitere Fragen zu dem Thema Reizdarm-Syndrom (Colon irritable)? Dann wenden Sie sich an unsere Expertenrat.


Quellen:
Beglinger, C., Göke, B.: Gastroenterologie systematisch. Uni-Med, Bremen 2007
Gerok, W., Huber, C., et al.: Die Innere Medizin - Referenzwerk für den Facharzt. Schattauer, Stuttgart 2007
Iburg, A., Kruis, W.: Reizdarm - Endlich Ruhe im Bauch durch richtige Ernährung. TRIAS, Stuttgart 2004

 

Autor: Theresa Nikley 
Letzte Änderung am: 09.12.2010
 
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