Tipp

Magersucht (Anorexia nervosa)

 Bei einer Magersucht führen die Betroffenen oft mit Sport zusätzlich eine extreme Gewichtsreduktion herbei

Bei einer Magersucht führen die Betroffenen oft mit Sport zusätzlich eine extreme Gewichtsreduktion herbei
(Quelle: DAK/Wigger)

Magersucht - in der Fachsprache Anorexia nervosa - ist eine krankhafte Essstörung. Typisch für die Magersucht ist eine selbst herbei geführte Gewichtsabnahme unter einen Body-Mass-Index (BMI) von 17,5 kg/m². Normal ist ein BMI von 18,5 - 24,9 kg/m². Magersüchtige sind von ihrem Äußeren her auffallend dünn, sind selbst mit ihrer Figur aber dennoch unzufrieden und wollen unbedingt weiter abnehmen. Die eigene Wahrnehmung ist stark verzerrt, die Bedrohlichkeit der Situation wird von den Betroffenen nicht akzeptiert.

Die Magersucht wurde als Krankheitsbild erstmals 1873 beschrieben. Der Begriff kommt aus dem Griechisch-Lateinischen und bedeutet übersetzt soviel wie "nervlich bedingte Appetitlosigkeit". Dieser beschreibt die Erkrankung allerdings nicht ganz richtig, da Betroffene Appetit haben, sich aber verbieten zu essen. Der Begriff "nervosa" weist auf den psychischen Aspekt der Magersucht hin.

Betroffen von der Magersucht sind vor allem junge Frauen zwischen zwölf und 25 Jahren. Die Mehrheit von ihnen gehört der Ober- und Mittelschicht an und ist überdurchschnittlich intelligent und ehrgeizig. Oft beginnt die Magersucht schon vor der ersten Monatsblutung (Menarche). Die Häufigkeit der Erkrankung liegt bei 0,3 bis 1 Prozent, mit steigender Tendenz. Zunehmend sind auch junge Männer betroffen. Zusätzlich gibt es viele junge Menschen, die an typischen Merkmalen der Magersucht leiden und erheblich essgestört sind, aber nicht alle diagnostischen Kriterien der Magersucht erfüllen.


Ursachen für Magersucht (Anorexia nervosa)

Verschiedene Ursachen wirken bei der Entstehung der Magersucht zusammen. Diese sind kulturell-gesellschaftlich, vor allem aber psychologisch bzw. psychopathologisch (seelisch-krankhaft). Zusätzlich muss eine genetisch bedingte Anfälligkeit (Disposition) vorhanden sein, damit die Magersucht auftritt. Es gibt einige Risikofaktoren, die für die Entstehung der Magersucht typisch sind:


  • Ausgeprägtes Schlankheitsideal
    Gerade wenn Mädchen in die Pubertät kommen, verändert sich ihr Körper - er bekommt weiblichere, rundere Formen. Durch Hänseleien, Vergleich mit anderen, Bildern in den Medien kann ein Bedürfnis entstehen, schlank zu sein. Wenn das Ideal, möglichst dünn zu sein, zu wichtig wird, besteht ein hohes Risiko, dass das Essverhalten so geändert wird, dass es zu Mangelernährung und Untergewicht führen kann.
  • Häufige Diäten
    Jede Diät ist eine Art von restriktiven Essen. Durch Diäten über mehrere Wochen kann es bereits zu Veränderungen im Stoffwechsel und anderen körperlichen Funktionen kommen. Das Risiko, Mangelerscheinungen und Essstörungen zu bekommen, steigt schon nach kurzer Zeit an.
  • Angst vor Gewichtzunahme
    Bei der Angst vor der Gewichtszunahme geht es nicht mehr nur um das Erreichen eines Schönheitsideals, sondern um eine übersteigerte Angst, auch nur ein Gramm zuzunehmen. Betroffenen verbieten sich alle Nahrungsmittel, die sie ?dick? machen könnten. Die Angst zuzunehmen soll durch immer weniger essen unterdrückt werden.
  • Familiäre Bedingungen
    Viele Magersüchtige kommen aus der Mittel- und Oberschicht. Dafür gibt es verschiedenen Erklärungsmöglichkeiten. Viele Betroffene berichten, dass sie in einer perfekten Familie aufgewachsen sind und irgendwann diesem Leistungsdruck nach dem ?Perfekten? nicht mehr Stand hielten. Häufig spielt auch das Harmoniebedürfnis eine große Rolle. Betroffene erleben ihre Familie als heile Welt, die auch nach außen hin aufrechterhalten wird. Diese klare Abgrenzung zur Außenwelt verhindert, dass die einzelnen Familienmitglieder eine individuelle Identität entwickeln können. Menschen, die in solchen Familien aufwachsen, lernen auch häufig, sich zu kontrollieren und Gefühle zu unterdrücken, was wiederum Grundlage für eine Magersucht sein kann (Unterdrückung von Hungergefühlen, Gewichtskontrolle).
  • Belastungen
    Ein einschneidendes Erlebnis, wie z. B. der Tod eines geliebten Menschen oder die Trennung der Eltern, kann ein Risikofaktor sein. Betroffene versuchen, die psychischen Belastungen durch Kontrolle des Essens in den Griff zu bekommen.
  • Biologische Faktoren/Veranlagung
    Ein biologischer Einfluss bei der Entstehung der Magersucht wird vermutet, allerdings ist es auch möglich, dass dies aus dem Einfluss der Familie entsteht. Für den genetischen Einfluss spricht, dass der eineiige Zwilling einer Magersüchtigen mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent auch unter Magersucht leidet.

Symptome einer Magersucht (Anorexia nervosa)

Magersüchtige haben durchschnittlich 15 Prozent weniger Gewicht als normal für sie wäre. Medizinisch gesehen betrachtet man eine Person als magersüchtig, wenn ihr Body-Mass-Index (BMI) unter 17,5 kg/m² liegt. Die Gewichtsabnahme erfolgt meist in relativ kurzer Zeit und ist durch Diäten und Sport oder auch Abführmittel selbst herbeigeführt. Der eigene Körper wird als Feind angesehen und bekämpft. Gleichzeitig leugnen Betroffene, dass sie zu dünn sind. In ihrer eigenen Wahrnehmung sind sie immer noch zu dick und kontrollieren weiterhin sehr stark ihr Essen. Zudem betreiben sie exzessiven Sport, obwohl ihre Leistungsfähigkeit nachlässt. Bei Frauen bleibt die Menstruationsblutung aus. Als Alarmsignal ist es auch anzusehen, wenn Betroffene apathisch wirken, nur noch mit leiser Stimme sprechen und bei Kleinigkeiten weinen. Betroffene zeichnet zudem meist ein Perfektionismus aus und ihr Selbstwertgefühl ist stark an die Gewichtsabnahme gekoppelt. Nach außen hin beschäftigen sie sich mit dem Essen, kochen für Freunde, animieren andere zum Essen und geben Rezepte weiter, sie selber essen dann allerdings kaum und häufig im Stehen. Betroffene essen häufig Babynahrung oder allgemein breiige Kost.


Diagnose einer Magersucht (Anorexia nervosa)

Die Magersucht kann durch verschiedene medizinische und psychologische Faktoren diagnostiziert werden. Das auffälligste ist das stark reduzierte Gewicht der Betroffenen und ein gleichzeitiges verzerrtes Selbstbild, in dem sie sich, meist vor allem die Form des Bauches, verzerrt als zu dick sehen. Festgelegte Diagnosekriterien sind:


  • Körpergewicht von mindestens 15 Prozent unter dem Normal- bzw. des in der Wachstumsphase zu erwartenden Gewichts.
  • BMI bei oder unter 17,5 kg/m²
  • Selbst herbeigeführte Gewichtsreduktion durch Diät, Sport, Erbrechen o.ä.
  • ständiges Beschäftigen mit Essen und Gewicht
  • ständige Angst vor Gewichtszunahme
  • Leugnen des eigenen Zustands
  • hormonelle Störungen, die sich bei der Frau durch ein mindestens dreimonatiges Ausbleiben der Menstruationsblutung äußert und beim Mann als Libido- und Potenzverlust
  • Entwicklungsverzögerung, falls die Erkrankung vor dem Eintritt der Pubertät beginnt

Therapie einer Magersucht (Anorexia nervosa)

Oberstes Therapieziel bei einer Magersucht ist die Gewichtzunahme. Bei extremem Gewichtsverlust kann die Behandlung in einer Klinik erfolgen, selten müssen Betroffene künstlich ernährt werden. Sobald der Ernährungszustand zufrieden stellend ist, wird mit einer Langzeittherapie begonnen. Hierfür ist am Besten ein Psychotherapeut, der auf Essstörungen spezialisiert ist, geeignet. In die Behandlung können auch die Eltern bzw. die Familie eingeschlossen werden. Die Betroffenen müssen lernen, Selbstvertrauen aufzubauen, welches unabhängig vom Körpergewicht ist, und ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln.


Verlauf einer Magersucht (Anorexia nervosa)

Bei der Magersucht kann es neben den psychischen Störungen auch zu starken körperlichen Beeinträchtigungen kommen. Durch Diäten und/oder Erbrechen und die Einnahme von Abführmitteln kommt es auf Dauer zu erheblichen Störungen im Elektrolythaushalt. Dies kann zu Herzrhythmusstörungen führen. Bei länger andauernden Elektrolytstörungen kann es zu einem Funktionsverlust der Nieren kommen. Durch eine Mangelernährung ist ebenfalls eine Störung der Knochenversorgung kommen, was zu einer Knochenerweichung führt. Geringe Belastungen führen dann zum Bruch der Knochen.

Schon nach einer Gewichtsabnahme von mehreren Kilogramm kann es zu Störungen der Sexualhormone kommen, was zu Fruchtbarkeitsstörungen führt.

Veränderungen im Eiweißstoffwechsel können die Übertragung der Nervenzellen stören. Dadurch kann es zu organisch verursachten Depressionen sowie zu Konzentrationsstörungen kommen.

Die schlimmste Komplikation der Magersucht ist der Tod. Zehn Prozent der Magersüchtigen sterben an ihrer Krankheit, das heißt, sie hungern sich wortwörtlich zu Tode. Immerhin 35 Prozent der Betroffenen nehmen zu und halten das Gewicht auch dauerhaft, wenngleich das Gewicht oft immer noch unter dem Normalgewicht liegt. Viele Frauen haben trotz erfolgreicher Therapie dauerhaft ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper.


Vorbeugen vor einer Magersucht (Anorexia nervosa)

Der beste Schutz vor Essstörungen wie der Magersucht ist ein gesundes Selbstvertrauen. Eltern sollten versuchen, ihrem Kind dieses mitzugeben. Ein gesundes Körperbewusstsein sollte gefördert werden. Zudem ist es wichtig, Schlankheitsideale und Rollenzuweisungen zu hinterfragen und dem Kind das Gefühl zu geben, dass es solche Vorgaben nicht einfach so hinnehmen muss. Bei der Ernährungserziehung sollten Kinder lernen, dass Essen Spaß und Lust bereitet, aber nicht zum Frust kompensieren missbraucht werden sollte. Ein gutes Körpergefühl geht auch mit einem gesunden Hunger- und Sättigungsgefühl einher.

Die Kommunikation in der Familie sollte offen sein und keine Probleme totschweigen. Nur so können Heranwachsende lernen, mit Konflikten umzugehen. Grenzen müssen respektiert, Gefühle zugelassen und Probleme gelöst werden. Die Privatsphäre auch eines Kindes bzw. Heranwachsenden sollte respektiert und ihm die Möglichkeit gegeben werden, seine Individualität und Selbstständigkeit zu entwickeln und sie so vor Essstörungen wie Magersucht zu schützen.


Weitere interessante Seiten für Betroffene:


Beratungsstellen bei Essstörungen:



Alle Angaben nach bestem Wissen, aber ohne Gewähr!
Stand: 22.07.2008

Quellen:
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendphsychiatrie und ?psychotherapie: Essstörungen. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 028/011 (Stand: März 2003)
Online-Information der Medizinischen Universität Heidelberg: http://www.anorexia-nervosa.de (Stand: November 2007)
Beers, M. H.: Handbuch Gesundheit. Goldmann, München 2005


 

Autor: Miriam Funk 
Letzte Änderung am: 02.06.2015
 
Tipp