Sexualstörungen der Frau
Sexualstörungen der Frau, auch sexuelle Dysfunktionen genannt, wurden früher unter dem Begriff der "Frigidität" zusammengefasst, was abwertend mit dem Wort Gefühlskälte übersetzt wurde. Darunter wurde häufig das fehlende Entgegenkommen gegenüber den sexuellen Ansprüche des Partners verstanden, eine völlig falsche Einstellung.
Insgesamt gibt es im Sexualverhalten gravierende Unterschiede. Die Übergänge von "normalem" zu gestörtem Sexualverhalten sind fließend und hängen von vielen Umständen ab. So ist auch eine Einteilung der Störungen schwierig. Es können Störungen auftreten beim sexuellen Verlangen, bei der sexuellen Erregung und der Orgasmusfähigkeit. Außerdem können sexuell bedingte Schmerzen (Dyspareunie) vordergründig sein, ebenso Krampfzustände im Scheidenbereich (Vaginismus).
Phasen der sexuellen Erregung
Um die verschiedenen möglichen sexuellen Störungen bei der Frau zu verstehen, ist es sinnvoll, zunächst über den physiologischen Ablauf der sexuellen Erregung (Sexualzyklus) Bescheid zu wissen.
Die physiologischen Reaktionsmuster beim Sexualakt sind bei Frau und Mann im Prinzip gleich. Die Geschlechtsunterschiede bestehen in anatomischer Hinsicht und im zeitlichen Erregungsablauf. Die Stimulationen lassen sich für beide Geschlechter in 4 Phasen einteilen, die fließend ineinander übergehen: Erregungsphase - Plateauphase - Orgasmusphase - Auflösungs-(Rückbildungs-)Phase.
Erregungsphase
Die Erregungsphase ist
unterschiedlich lang, es gibt Frauen, die bereits 30 Sekunden nach
Beginn der Erregungsphase einen Orgasmus haben. Zu den ersten
Erregungszeichen zählt das Feuchtwerden der Scheide durch
Transsudation durch das Scheidenepithel (Lubrikation), sie
verfärbt sich dunkelrot, schwillt an, verlängert sich und
wird weiter. Durch die vermehrte Durchblutung der Beckenorgane
werden auch die Schamlippen und der Kitzler (Clitoris)
verändert. Die Brustwarzen werden steif. Häufig wird auch
eine Hautrötung beobachtet ("sex flush"). Es zeigen sich
Zeichen beginnender körperlicher Erregung, Blutdruck, Herz-
und Atemfrequenz steigen.
Plateauphase
Die Erregungsphase setzt
sich in die Plateauphase fort. Das Erregungsniveau wird bis zum
Orgasmus unter zunehmender Rotfärbung der Schamlippen
beibehalten. Die Vagina dehnt sich aus (Zeltphänomen). Die
Muskulatur im unteren Scheidendrittel kontrahiert sich, dadurch
wird der Scheideneingang verengt. Es bildet sich die sog.
orgastische Manschette, die Bartholinschen Drüsen sondern
Sekret ab.
Orgasmusphase
In der Orgasmusphase
erreicht die körperliche Erregung ihren Höhepunkt. Es
erfolgen rhythmische Kontraktionen der orgastischen Manschette und
der übrigen Muskulatur im kleinen Becken. Gleichzeitig tritt
eine Aufmerksamkeitsverengung ein. Raum und Umgebung und auch
äußere Reize werden in unterschiedlicher Intensität
kaum noch wahrgenommen. Ebenso sind die körperlichen
Reaktionen verschieden: schreien, stöhnen, wimmern, andere
sind still, Festklammern des Partners, beißen oder kratzen.
Der Orgasmus zeigt sich durch plötzliches Nachlassen der
Muskel- und Nervenanspannung und weicht dem Gefühl einer
heftigen Lust. Bei manchen Frauen zeigt sich eine besonders starke
Sekretabsonderung (Hypersekretion). Die Intensität des
Orgasmus ist nicht bei jeder Frau gleich und auch beeinflusst durch
Dauer der Erregungssteigerung, der vorherigen sexuellen
Enthaltsamkeit, Stress, Gesundheit, Alkoholkonsum.
Rückbildungsphase
Nach wenigen
Sekunden bereits werden die Kontraktionen schwächer und
hören auf (Rückbildungsphase). Schamlippen, Clitoris und
Scheide nehmen ihre normale Größe und Farbe wieder an,
der "sex flush" verschwindet. Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz
normalisieren sich. Das volle Bewusstsein kehrt zurück.
Im Unterschied zum Mann kann die Frau unmittelbar nach dem Orgasmus wieder erregt werden und so hintereinander mehrere Orgasmen erleben.
Libidostörungen
Die sogenannte Störung des Geschlechtstriebes (Libidostörung) ist eine häufigere Sexualstörung der Frau. Etwa 1/3 aller Frauen klagen über zeitweiliges mangelndes sexuelles Interesse (Inappetenz) oder darüber, dass es überhaupt nicht vorhanden ist.
Ursache von Libidostörungen
Sie
haben keine sexuellen Bedürfnisse. Die eigentlichen Ursachen
sind nicht bekannt. Dabei muss dem Umstand Rechnung getragen
werden, dass die sexuellen Wünsche und Vorstellungen über
eine befriedigende Sexualität sehr unterschiedlich sind,
besondern in Hinblick auf die gewünschte Kohabitationsfrequenz
(Häufigkeit, Geschlechtsverkehr zu haben).
Sie ist altersabhängig, bei Männern höher als bei Frauen. Normal wird während der Geschlechtsreife eine Häufigkeit von 2-3 Kohabitationen pro Woche angegeben. Manche Frauen aber brauchen den Beischlaf mehrmals am Tag (Nyphomanie), andere nur einmal im Monat. Bei Libidostörungen muss die Erregungs- und Orgasmusfähigkeit nicht gestört sein.
Störungen der Erregungsfähigkeit
Bei Störungen der Erregungsfähigkeit, eine Variante der Sexualtstörungen der Frau, spielen als Ursache oft psychische Aspekte eine Rolle. Die mangelnde sexuelle Erregungsfähigkeit ist meist Folge von Hemmungen, Verdrängung oder Abwehr der Sexualität.
Therapie bei Störungen der
Erregungsfähigkeit
Um ein erfolgsfähiges
Therapiekonzept zu finden, sind ausführliche Gespräche
nötig. Dabei spielen Mentalität, Temperament, Charakter,
Erziehung oder ein gestörtes Elternhaus ("broken home") eine
ebenso große Rolle wie frühere negative sexuelle
Erlebnisse, rücksichtlose Partner, Versagensangst, Angst vor
ungewollter Schwangerschaft und vordergründig: gestörte
Partnerbeziehungen.
10% aller Frauen geben Störungen der sexuellen Erregung an. Diese können aber auch durch Krankheiten oder die Einnahme bestimmter Medikamente ausgelöst sein.
Orgasmusstörungen
Orgasmusstörungen (Anorgasmus) sind eine der Sexualtstörungen der Frau, von denen jede 4.Frau betroffen ist. 5% der Frauen haben noch nie einen Orgasmus erlebt.
Mindestens 20% haben nur gelegentlich einen Orgasmus. Die Orgasmusstörungen insgesamt werden mit 25 % beziffert. Es kann sich um Störungen des zeitlichen Ablaufes der Orgasmusphase handeln: Nach der Erregung tritt der Orgasmus verspätet auf oder gar nicht (Anorgasmie). Die Sexualpraktiken sind nicht ohne Bedeutung. Nicht selten können Frauen nur zum Orgasmus gelangen, wenn ganz bestimmte erogene Zonen gereizt werden. Die sexuelle Abstumpfung mit dem Partner führt zur Minderung der Hingabefähigkeit, die eine Anorgasmie auslösen kann. Das sexuelle Spannungsfeld zwischen den Partnern besteht nicht mehr. Auch ständiger sexueller Leistungsdruck, wenn von sich oder dem Partner bei jeder Vereinigung ein Orgasmus verlangt wird, kann die Orgasmusfähigkeit vermindern. Das führt zu Selbstbeobachtung, die Spontaneität geht verloren, es stellen sich Versagensängste ein. Oft wird dann der Orgasmus simuliert. Andererseits gibt es nicht wenig Frauen, deren Libido funktioniert, die zu Erregung durchaus fähig sind, aber die alleinige sexuelle Aktivität als befriedigend empfinden.
Schmerzhafter Geschlechtsverkehr
Schmerzhafter Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) kann als Sexualstörung der Frau häufig gut behandelt werden. Bei der Dyspareunie ist die sexuelle Harmonie während des Geschlechtsverkehrs durch Schmerzempfindungen gestört. 15% der Frauen geben Schmerzen beim Geschlechtsverkehr an.
Ursachen
Schmerzen beim
Geschlechtsverkehr können verschiedene Ursachen haben -
psychische und/oder organische - und sind altersunabhängig. Zu
den organischen Ursachen der Dyspareunie gehören
Lubrikationsstörungen (trockene Scheide, besonders bei
älteren Frauen (20%)). Hier kann der Hormonmangel in den
Wechseljahren oder danach eine
Rolle spielen, oder Scheidenverengungen (Stenosen) durch krankhafte
Veränderungen und Gebärmuttersenkungen. Bei jüngeren
Frauen sind oft Narbenzustände im kleinen Becken, der Zustand
nach Unterleibsoperationen, Endometriosen, chronischen oder akuten
Entzündungen, schlecht verheilten Geburtsverletzungen oder
Lageanomalien der Gebärmutter (z.B. Knickung) Ursache solcher
Beschwerden.
Psychische Ursachen
Die psychischen
Ursachen sind vielgestaltig. Kommt es bei mangelnder sexueller
Akzeptanz zum Geschlechtsverkehr, bleibt die Erregungsphase mit
Durchblutungssteigerung im kleinen Becken und Sekretabsonderung
aus. Das führt zu Schmerzen. Stresssituationen, Depressionen
oder gar Angst können an dem Krankheitsbild maßgeblich
beteiligt sein.
Gab es solche Probleme in anderen Beziehungen auch? Seit wann besteht die Störung? Das sind Fragen, die zur Therapie eine Rolle spielen.
Scheidenkrampf
Der Scheidenkrampf (Vaginismus) ist eine unmittelbar vor dem Geschlechtsverkehr auftretende unwillkürliche Verspannung der Beckenbodenmuskulatur, die After und Scheide umschließen (besonders der M. bulbocavernosus und M. levator ani). Es gibt leichte und schwere Formen des Vaginismus. Das männliche Glied kann nicht oder nur unter Schmerzen in die Scheide eingeführt werden. Die Geschichte aber, dass das in die Scheide eingeführte Glied nicht wieder herausgezogen werden kann (Penis captivus), ist nicht bewiesen. Das kommt in der Praxis nicht vor. Es besteht eine Berührungsempfindlichkeit des Scheideneinganges, die aber auch bei gynäkologischen Untersuchungen gelegentlich beobachtet wird. Es handelt sich um eine psychosexuelle Störung der Frau, die behandlungsfähig ist.
Therapie
Zur Therapie gehört eine vorangestellte allgemeine
körperliche und gynäkologische Untersuchung, um
anatomische und andere körperliche Ursachen der sexuellen
Dysfunktion auszuschließen oder zu behandeln.
Die Therapie sexueller Störungen soll immer mit beiden Partnern durchgeführt werden. Aber es ist durchaus üblich, zunächst die Partner einzeln zu den Problemen zu befragen. So kann man sich schon einen Überblick über diskrepante Auffassungen und auch übersteigerte Erwartungen der einzelnen Partner verschaffen. Stellt sich heraus, dass die Ursachen der Störung in prinzipiellen negativen Partnerbeziehungen zu suchen sind, ist die Therapie nicht erfolgversprechend und auch nicht sinnvoll. Dazu sollte das Paar entsprechende Beratungen aufsuchen. Sind die Partnerbeziehungen intakt, ist es Ziel, Vorurteile und Ängste abzubauen und die Freude an der Sexualität zu steigern. Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist der Wille der Frau, sich von ihren Beschwerden befreien zu lassen.
Ursachen
Zur Klärung und Behandlung
der psychischen Ursachen wird ein Psychotherapeut konsultiert. Dazu
muss ein gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. In den
Gesprächssitzungen wird das anstehende Problem in den
Mittelpunkt gestellt und von allen Seiten beleuchtet. Die Partner
sollen die Gespräche zu Hause fortsetzen. Geschlechtsverkehr
soll zunächst ausgesetzt und durch manuelles Herantasten an
den Körper des Partners ersetzt werden. Erst später soll
der Gedanke an einen neuerlichen Geschlechtsverkehr wieder
aufgenommen werden.
Versuche, die weiblichen Sexualstörungen der männlichen Impotenz gleichzustellen und entsprechende durchblutungsfördernde Medikamente dafür auf den Markt zu bringen, haben sich als nicht erfolgversprechend herausgestellt. Die weibliche Sexualität folgt anderen Gesetzen.
Autor: Qualimedic.de
Letzte Änderung am: 03.01.2008
