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Stuhlinkontinenz

Eine Stuhlinkontinenz kann zum persönlichen Stressfaktor werden und sollte frühstmöglich behandelt werden

Eine Stuhlinkontinenz kann zum persönlichen Stressfaktor werden und sollte frühstmöglich behandelt werden
(Quelle: DAK/Wigger)

Unter Stuhlinkontinenz versteht man die Unfähigkeit, den Kot (Stuhl) im Enddarm zu behalten. Es kommt so zum ungewollten Abgang von Stuhl.

Der Stuhl wird im Enddarm (Rektum) eingedickt und gesammelt. Ist eine bestimmte Menge im untersten Teil des Rektums (Ampulle) vorhanden, wird der Drang zur Stuhlentleerung (Defäkation) ausgelöst. Der Schließmuskel (Sphincter ani) öffnet sich, es kommt zur Stuhlentleerung. Bei Betroffenen mit Stuhlinkontinenz ist der Vorgang der Defäkation nicht mehr vollständig bewusst steuerbar.

Je nach Schwere der Symptome wird die Stuhlinkontinenz in die Grade I, II und III unterteilt.

Von der Stuhlinkontinenz abzugrenzen ist das Stuhlschmieren. Hierbei kommt es nach dem Stuhlgang zum unbemerkten Abgang kleiner Stuhlmengen.

Tritt die Stuhlinkontinenz in Verbindung mit Harninkontinenz auf, spricht man von doppelter Inkontinenz.


Wer ist betroffen?

Vor allem ältere Menschen sind von der Stuhlinkontinenz betroffen. Etwa zehn Prozent der über 65-Jährigen zeigen Symptome, in Pflegeheimen sind es bis zu 56 Prozent.

Während im jüngeren Alter Frauen häufiger betroffen sind als Männer, ist die Verteilung im höheren Alter bei beiden Geschlechtern gleich.


Wie kommt es zur Stuhlinkontinenz?

Die Ursachen der Stuhlinkontinenz sind vielfältig. Die natürliche Fähigkeit, den Schließmuskel in Ruhe ausreichend gespannt zu halten, sinkt mit steigendem Alter. Zudem sinkt auch der Anteil an Muskelmasse. Häufig führt eine Kombination mehrerer Ursachen zur Stuhlinkontinenz.

Medikamente

Viele Medikamente und Nahrungsmittel können die Entstehung einer Stuhlinkontinenz begünstigen. Dies sind beispielsweise Abführmittel, Antidepressiva, Parkinson-Medikamente, Nikotin oder Kaffee.

Gestörte Schließmuskel-Funktion

Die Funktion des Schließmuskels am Darmausgang (Sphincter ani) kann gestört sein, beispielsweise durch entstandene Verletzungen bei Geburten oder Operationen.

Eine Enddarmentzündung (Proktitis) oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie die Colitis ulcerosa oder der Morbus Crohn können die Funktion des Schließmuskels beeinträchtigen, ebenso wie Tumoren im Bereich des Enddarms, welche die Stuhlentleerung behindern.

Gestörte Sensorik

Das Gefühl am Darmausgang kann durch verschiedene Erkrankungen beeinträchtigt sein, sodass der Drang zur Stuhlentleerung vom Betroffenen verspätet oder gar nicht wahrgenommen wird. Eine lokal gestörte Sensorik am Darmausgang findet sich beispielsweise beim Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder auch nach Operationen. Die zentrale nervliche Steuerung des Entleerungs-Prozesses ist bei Erkrankungen wie Schlaganfall (Apoplex), Multipler Sklerose oder Querschnittslähmung oftmals gestört.

Chronische Verstopfung und Stuhlschmieren

Eine so genannte Überlaufinkontinenz entsteht durch ein "Hindernis" im Enddarm. In vielen Fällen besteht dieses in einem Ballen harten Stuhls (Fäkalom) nach lang andauernder Verstopfung (Obstipation). Hinter dem Fäkalom staut sich flüssigerer Stuhl im Darm, der bei Entstehung eines ausreichenden Drucks an dem Fäkalom vorbeifließt und sich entleert. Oftmals zeigt sich die Überlaufinkontinenz durch dauerndes Stuhlschmieren. Andere Ursachen für das Stuhlschmieren sind beispielsweise Hämorrhoiden oder ein Vorfall des Enddarms (Rektumprolaps).


Welche Symptome und welche Schweregrade gibt es?

Die Stuhlinkontinenz ersten Grades ist definiert durch den unkontrollierten Abgang von Winden.

Etwa die Hälfte aller Betroffenen leidet unter einer Stuhlinkontinenz zweiten Grades, bei der flüssiger bis breiiger Stuhl nicht bewusst gehalten werden kann.

Etwa ein Drittel der Erkrankten können auch festen Stuhl nicht halten und sind damit von einer Stuhlinkontinenz dritten Grades betroffen.


Wie wird die Stuhlinkontinenz diagnostiziert?

Ausschlaggebend für die Diagnose einer Stuhlinkontinenz ist das ausführliche Gespräch zwischen Arzt und Erkranktem (Anamnese). Für viele Betroffene ist es sehr schwierig und peinlich, ihre Probleme zur Sprache zu bringen. Um die notwendige Diagnostik und Behandlung einleiten zu können, ist es jedoch unerlässlich, die Stuhlinkontinenz beim Arztbesuch anzusprechen.

Die körperliche Untersuchung beinhaltet die Betrachtung (Inspektion) des Analbereichs sowie die Austastung des Enddarms mit dem Finger (digitale rektale Untersuchung). Die Untersuchung wird ergänzt durch eine Spiegelung des untersten Darmabschnitts (Proktoskopie).

In einigen Fällen werden weitere Untersuchungen durchgeführt. Bei der Rektum-Manometrie wird ein Instrument in den Enddarm eingeführt und der Druck in Ruhe und beim Zusammenziehen des Schließmuskels gemessen. Außerdem können das Feingefühl (Sensorik) und die Dehnbarkeit des Enddarms (Rektum-Compliance) gemessen werden.

Bei der anorektalen Endosonographie handelt es sich um eine Ultraschall-Untersuchung über den Anus. Hierbei kann der Untersucher vor allem Schäden am Schließmuskel sichtbar machen.

Am äußeren Schließmuskel ist die Durchführung eines Elektromyogramms möglich. Hierdurch kann in erster Linie nachgewiesen werden, ob eine Schädigung des Pudendus-Nervs und dadurch eine Stuhlinkontinenz vorliegt. Eine solche Nervenschädigung kann durch Überdehnung im Rahmen einer Entbindung entstehen oder auch durch Diabetes (Zuckerkrankheit).


Wie wird die Stuhlinkontinenz behandelt?

Zur Therapie der Stuhlinkontinenz ist die Behandlung der Ursache sinnvoll. Insbesondere bei Betroffenen in Pflegeheimen kann dies jedoch schwierig sein.

Konservative Behandlungsverfahren

In vielen Fällen kann die Stuhlinkontinenz durch Verzicht auf blähende Speisen, Kaffee, bestimmte Medikamente und sehr ballaststoffreiche Ernährung gemindert werden.

Bei vielen Betroffenen, insbesondere in Pflegeheimen, erfolgt die Behandlung in erster Linie durch hygienische Maßnahmen wie Vorlagen, Windelhosen oder Analtampons. Nach erfolgtem Stuhlgang sollte die sofortige Reinigung erfolgen, um Hautschäden zu vermeiden.

Ein "Toilettentraining" beinhaltet einen schnellen Zugang zur Toilette, gegebenenfalls durch einen Toilettenstuhl in der Nähe des Betts, sowie regelmäßig wiederkehrende Zeiten für den Toilettengang. Außerdem ist die ausreichende Zufuhr von Nahrung und Flüssigkeit von großer Bedeutung.

Flohsamenschalen sind als Medikament erhältlich und wirken wasserbindend. Sie können bei flüssigem Suhlgang sowie bei Stuhlschmieren die Beschwerden lindern. Loperamid kann versuchsweise zur Verminderung der Stuhlinkontinenz eingesetzt werden, bei Erfolg auch als Dauertherapie.

Übungsverfahren wie das Biofeedback oder Beckenbodentraining bringen in vielen Fällen Linderung. Verschiedene Verfahren können auch in Kombination angewendet werden.

Operative Behandlungsverfahren

Bessern die konservativen Behandlungsverfahren die Stuhlinkontinenz nicht, kann in einigen Fällen eine Operation durchgeführt werden. Beispielsweise kann ein beschädigter Schließmuskel durch eine Operation wieder eine normale Funktion erhalten.

In seltenen Fällen kann eine Sphincter-Ersatztherapie zum Einsatz kommen, bei welcher der Schließmuskel durch körpereigene oder -fremde Implantate ersetzt wird. Diese Operationen sind sehr aufwändig und häufig mit Komplikationen behaftet.

Eine relativ neue Methode zur Behandlung von Stuhlinkontinenz ist die Sakralnervenstimulation (sakrale Neurostimulation). Dabei werden die Nerven, die für die korrekte Funktion des Schließmuskels von Bedeutung sind, mithilfe eines elektrischen Impulsgebers (Schrittmacher) stimuliert. Vor der operativen Behandlung, die eine Implantation des Schrittmachers beinhaltet, wird eine Testphase mit einem externen Gerät durchgeführt.


Wie ist der Verlauf?

Unbehandelt verläuft die Stuhlinkontinenz chronisch. Der Schweregrad kann im Laufe der Zeit zunehmen. Durch eine frühzeitig einsetzende Diagnosestellung und Beginn der Therapie kann in vielen Fällen zumindest die Lebensqualität verbessert werden. In einem Teil der Fälle ist auch eine Heilung möglich.


Wie kann man Stuhlinkontinenz vorbeugen?

Bestehen Anzeichen für eine Stuhlinkontinenz, sollte früh ein Arzt aufgesucht werden, um die richtige Diagnostik und Behandlung rechtzeitig einleiten zu können. Eine vorbeugende Maßnahme gegen die Stuhlinkontinenz, insbesondere nach Schwangerschaft und Geburt, ist die gezielte Stärkung der Beckenbodenmuskulatur.


Wenn Sie weitere Fragen zu diesem Thema haben, können Sie diese zum Beispiel in der Hausarzt-Expertenrat oder in der Expertenrat zu Alterskrankheiten stellen.

Quellen:
Pehl, Ch.: Alterskrankheit Stuhlinkontinenz - Fragen, tasten, messen. Der Allgemeinarzt 8/2008, S. 6-9
Patientenbroschüre: Harn- und Stuhlinkontinenz (Blasen- und Darmschwäche). Deutsche Kontinenz Gesellschaft, Kassel (Stand: Februar 2008)
Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. de Gruyter, Berlin 2004.

 

Autor: Dr. med. Ulrike Henning 
Letzte Änderung am: 19.01.2009
 
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