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Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie)

Eine Lese- und Rechtschreibstörung kann zu psychischen Problemen führen

Eine Lese- und Rechtschreibstörung kann zu psychischen Problemen führen
(Foto: DAK/Wigger)

Die Lese- und Rechtschreibstörung (LRS, Legasthenie, Dyslexie) zählt wie die Rechensstörung (Dyskalkulie) zu den Teilleistungsstörungen. Kindern mit LRS fällt es trotz normaler Intelligenz (IQ über 70) sehr schwer, Lesen und Schreiben zu erlernen. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa fünf Prozent der Kinder an Legasthenie, wobei Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen. Treten die Schwierigkeiten nur beim Schreiben und nicht beim Lesen auf, spricht man von einer isolierten Rechtschreibstörung.


Ursachen
Symptome
Diagnose
Therapie
Verlauf
Vorbeugen

Ursachen der Lese- und Rechtschreibstörung

Die Ursachen der Lese- und Rechtschreibstörung gelten als sehr komplex und sind bislang noch nicht vollständig geklärt. Man geht davon aus, dass in erster Linie Wahrnehmungsstörungen beim Hören und Sehen eine Rolle spielen. Zwar besitzen Kinder mit LRS ein normales Hör- und Sehvermögen, einige Informationen können im Gehirn aber vermutlich nicht richtig verarbeitet werden. Da oft mehrere Familienmitglieder betroffen sind, spielen bei der Entstehung neben Umwelteinflüssen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch genetische Faktoren eine Rolle.


Symptome der Lese- und Rechtschreibstörung

Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibstörung haben starke Schwierigkeiten, das Lesen und Schreiben zu erlernen. Dadurch liegen ihre schulischen Leistungen oftmals weit unter dem Klassendurchschnitt und dem persönlichen Intelligenzniveau.

Häufig lassen Kinder mit LRS beim Lesen Worte oder Wortteile aus, fügen andere hinzu, verdrehen oder ersetzen sie. Beim Vorlesen haben sie oft extreme Startschwierigkeiten, lesen sehr langsam, zögern sehr lange oder verlieren die Zeile im Text. Charakteristisch sind auch Fehler beim Setzen von Sprechpausen und das Vertauschen von Wörtern im Satz oder Buchstaben in den Wörtern. Zudem wird das Gelesene häufig nicht richtig verstanden, sodass falsche Schlüsse gezogen oder Zusammenhänge nicht erkannt werden.

Beim Schreiben verdrehen Legastheniker häufig Buchstaben. So wird beispielsweise ein „b“ zum „d“ oder ein „p“ zum „q“ und umgekehrt. Oft wird auch die Reihenfolge der Buchstaben innerhalb eines Wortes verändert, es werden Buchstaben ausgelassen oder zusätzlich hinzugefügt. Verwechslungen gibt es auch bei ähnlich klingenden Buchstaben wie „d“ und „t“ oder „g“ und „k“. Weitere typische Merkmale sind Dehnungsfehler (Beispiel: „stelen“ anstatt „stehlen“) und Fehler in der Groß- und Kleinschreibung. Auffällig ist außerdem, dass ein und dasselbe Wort unter Umständen auch nach mehrmaligem Üben auf unterschiedliche Weise falsch geschrieben wird. Rechtschreibfehler treten vor allem bei Aufsätzen und Diktaten auf, das Abschreiben von Texten kann dagegen nahezu fehlerlos gelingen.


Diagnose der Lese- und Rechtschreibstörung

Eine Lese- und Rechtschreibstörung wird durch Kinder- und Jugendpsychiater, -psychotherapeuten oder -psychologen mithilfe spezieller Lese- und Rechtschreibtests diagnostiziert. Wichtig ist dabei auch die enge Zusammenarbeit mit Lehrern und Eltern, um verschiedene Fragen zu schulischen Leistungen und zum allgemeinen Entwicklungszustand (Körper, Motorik, Sprache) des Kindes zu klären.


Förderung und Hilfe für Legastheniker

Legastheniker sollten so früh wie möglich gefördert und sowohl schulisch, sozial als auch emotional unterstützt werden. Die Fördermaßnahmen müssen eng mit Lehrern und Eltern abgestimmt werden, da sie aktiv mitwirken müssen. Generell gilt außerdem: Lesen ist für betroffene Kinder zum Wissenserwerb wichtiger als Schreiben. Daher kann es sinnvoll sein, zunächst verstärkt die Lesefähigkeit zu fördern.

Familie und Eltern

Die Familie und insbesondere die Eltern spielen eine sehr wichtige Rolle bei der Unterstützung von Kindern mit Lese- und Rechtschreibstörung. Denn sie müssen dem betroffenen Kind klar machen, dass die schulischen Mängel kein Versagen sind und ihm zeigen, dass sie trotz der Schwächen beim Lesen und Schreiben anerkannt und geschätzt werden. Wenn Eltern genügend Zeit haben, konsequent mit ihrem Kind zu üben, ist eine Förderung zu Hause möglich. Diese sollte aber in jedem Fall mit Lehrern und Therapeuten abgestimmt sein und keinen Druck für das Kind bedeuten.

Hausaufgaben

Es ist hilfreich, wenn die Hausaufgaben fester Bestandteil des Tagesablaufs sind und nach einer Pause möglichst bald nach dem Unterricht erledigt werden. Kinder sollten die Möglichkeit haben, ihre Hausaufgaben an einem ruhigen Ort mit wenig Ablenkung zu machen. Wichtig ist außerdem, dass die Hausaufgaben selbstständig erledigt werden. Dabei ist elterliche Hilfe und eine Durchsicht der Aufgaben nicht ausgeschlossen. Generell sollten Kinder die Hausaufgaben aber als ihre eigene Angelegenheit verstehen.

Schule und Lehrer

Die Regelungen für Schulen und Lehrer werden von den Bundesländern festgelegt und sind daher nicht einheitlich definiert. Oft wird aber in vielen Bundesländern bis zu einem bestimmten Jahrgang von einer Benotung der Lese- und Rechtschreibleistung abgesehen. In einigen Fällen steht betroffenen Schülern das Recht zu, zusätzliche Arbeitsmittel (z.B. Computer) in Anspruch zu nehmen oder eine Prüfung unter veränderten Rahmenbedingungen (z.B. verlängerte Prüfungszeit, mündlich statt schriftlich) abzulegen. Auch bei der Leistungsbewertung in Zeugnissen gibt es verschiedene Regelungen, die eine vorliegende Lese- und Rechtschreibstörung berücksichtigen.

In manchen Bundesländern sind außerdem individuelle Fördermaßnahmen außerhalb der Unterrichtszeit vorgesehen, die gegebenenfalls auch in kleinen Gruppen stattfinden können. Die Erlasse für die einzelnen Bundesländer können bei den Landesverbänden des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie e.V. eingesehen werden. Dort sind zudem Informationen zu außerschulischen und außerhäuslichen Förderungsmöglichkeiten zu finden.

Förderansätze

Es gibt verschiedene Förderansatze für die Behandlung der Lese- und Rechtschreibstörung. Die Wirksamkeit der verschiedenen Konzepte ist zwar kaum wissenschaftlich untersucht, prinzipiell gelten aber jene Modelle als hilfreicher, bei denen die Defizite gezielt mit einem direkten Bezug zur Schriftsprache aufgearbeitet werden. Im Gegensatz dazu hat sich das Trainieren von Fertigkeiten, die nur indirekt mit dem Lesen und Schreiben in Zusammenhang stehen (z.B. Hör- und Sehwahrnehmung), weniger bewährt, wobei es hierzu unterschiedliche Ansichten gibt. Empfehlungen des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie e.V. sowie ausführliche Informationen zu den verschiedenen Förderansätzen sind hier zu finden.


Verlauf der Lese- und Rechtschreibstörung

Eine Lese- und Rechtschreibstörung kann sich bereits bei Kleinkindern durch Auffälligkeiten beim Sprechen und Zuhören bemerkbar machen, in der Regel zeigen sich die ersten Symptome aber erst im Grundschulalter. In einigen Fällen gelingt es betroffenen Kindern, die Defizite durch Auswendiglernen oder rasches Kombinieren auszugleichen, spätestens im dritten oder vierten Schuljahr lässt sich die Störung für gewöhnlich aber nicht länger verbergen. Gewisse Schwierigkeiten bleiben meistens bis zum Schulabschluss und darüber hinaus bestehen, wodurch das Ausbildungsniveau oft unter den eigentlichen geistigen Fähigkeiten bleibt. Dennoch, oder möglicherweise gerade aufgrund der Schwierigkeiten während der Kindheit, entwickeln Legastheniker oft eine ausgeprägte Persönlichkeit und besetzen verantwortungsvolle Positionen in verschiedenen Bereichen (Beispiel: Albert Einstein).

Psychische Probleme

Häufig haben Kinder mit Legasthenie auch psychische Probleme. Diese können vorhanden sein, bevor die Lese- und Rechtschreibstörung auftritt, aber auch als Folge aus der LRS entstehen. Möglich sind verschiedenste Auffälligkeiten wie Trauer, Angst, Mut- und Lustlosigkeit, Depressionen, innere Unruhe, Aggressivität oder Hyperaktivität (ADHS). Eine Förderung sollte immer auch diesen Aspekt berücksichtigen und entsprechende Behandlungsmöglichkeiten mit einbeziehen.


Vorbeugen der Lese- und Rechtschreibstörung

Da über die Ursachen von Teilleistungsstörungen wenig bekannt ist, ist es sehr schwierig einer Lese- und Rechtschreibstörung vorzubeugen. Wird eine RLS rechtzeitig erkannt, können eine rasche Diagnose und frühzeitige Förderung aber dazu beitragen, die Lernschwierigkeiten zu minimieren und psychische Probleme zu vermeiden. Als besonders geeignet gilt hier die Förderung der Sprachbewusstheit (phonologische Bewusstheit).



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Quellen:
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie
Online-Informationen des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie e.V.: http://www.bvl-legasthenie.de/ (Stand: April 2010)
Renz-Polster, Dr. H. et al.: Gesundheit für Kinder. Kösel, München 2007

 

Autor: Christian Emmerling 
Letzte Änderung am: 10.11.2012
 
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