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Rechenstörung (Dyskalkulie)

Kindern mit Dyskalkulie fällt der Umgang mit Zahlen sehr schwer

Kindern mit Dyskalkulie fällt der Umgang mit Zahlen sehr schwer
(Foto: Pixelio/Mario Heinemann)

Die Rechenstörung (Dyskalkulie) ist, wie auch die Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie), eine Teilleistungsstörung. Kinder mit einer Rechenstörung haben trotz normaler Intelligenz (IQ über 70) starke Probleme, grundlegende mathematische Rechenfertigkeiten zu erlernen. In Deutschland sind schätzungsweise etwa fünf Prozent aller Kinder von einer Dyskalkulie betroffen.


Ursachen
Symptome
Diagnose
Förderung
Verlauf
Vorbeugen

Ursachen der Rechenstörung

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dafür, wie es zu einer Rechenstörung kommen kann. Neuropsychologische Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei Kindern mit Dyskalkulie Teilbereiche des Gehirns verändert sind, die für die Zahlenverarbeitung benötigt werden. Als weitere mögliche Ursachen kommen entwicklungspsychologische Störungen beim Erlernen von Symbolen, logischen Konzepten und Regelsystemen in Frage. Neben Störungen in der Sprachentwicklung und genetischen Faktoren, könnten außerdem falsch eingeübte Lösungsansätze eine Rolle bei der Entstehung der Dyskalkulie spielen.

Auch wenn es im individuellen Fall sehr schwierig sein mag, die genauen Ursachen herauszufinden, wichtig ist: Weder Eltern oder Lehrer noch die Kinder tragen die Schuld an der Entstehung einer Rechenstörung.


Symptome der Rechenstörung

Kindern mit einer Rechenstörung fällt es sehr schwer, die grundlegenden Konzepte der Mathematik zu begreifen. Sie sind nicht ausreichend in der Lage, Mengen zu erfassen und mit anderen Mengen zu vergleichen, sodass sie Fragen nach „weniger“ oder „mehr“ sowie „größer“ oder „kleiner“ nicht beantworten können. Dadurch ist es für sie sehr schwierig, die verschiedenen Grundrechenarten (Addieren, Subtrahieren, Dividieren, Multiplizieren) und darauf aufbauende Rechenfertigkeiten, wie zum Beispiel Bruchrechnen, zu erlernen.

Betroffene Kinder lernen und rechnen im Vergleich zu Mitschülern zunächst nur etwas langsamer, wodurch die Dyskalkulie in der ersten Klasse oft noch nicht auffällt. Mit fortschreitendem Unterrichtsstoff werden die Verständnisschwierigkeiten jedoch immer deutlicher und äußern sich insbesondere bei Zehner-Übergängen sowie beim Wechsel zwischen den Rechenarten. Oft fällt es den Kindern auch schwer, sich vom Fingerrechnen zu lösen und mit Größen wie Gewicht, Geldbeträgen oder Zeit umzugehen. Textaufgaben können zum Teil gar nicht gelöst werden, da es Kindern mit Rechenstörung häufig nicht gelingt, die Rechenaufgabe aus dem Text zu erschließen. Schwierigkeiten können auch bei der Übertragung von Zahlworten zu Ziffern (z.B. „Sieben“ und „7“) bestehen.


Diagnose der Rechenstörung

Eine Rechenstörung wird durch Kinder- und Jugendpsychiater, -psychotherapeuten oder -psychologen mithilfe spezieller Rechentests diagnostiziert. Dabei ist auch die enge Zusammenarbeit mit Lehrern und Eltern entscheidend, um Fragen zu schulischen Leistungen, dem allgemeinen Entwicklungszustand (Körper, Motorik, Sprache) sowie der Lern- und Lebenssituation des Kindes zu klären.


Förderung und Hilfe für Kinder mit Rechenstörung

Bei der Förderung von Kindern mit Rechenstörung ist zu unbedingt beachten, dass vermehrtes Üben alleine keinen Erfolg bringt. Den Betroffenen fehlt das Grundverständnis für mathematische Aufgaben und dies lässt sich nicht einfach durch Fleißarbeit aufbauen.

Familie und Eltern

Familie und Eltern müssen die Dyskalkulie als Problem akzeptieren und dürfen sie nicht als Schwäche oder Versagen betrachten. Denn sie müssen dem betroffenen Kind zeigen, dass es trotz der Lernschwierigkeiten beim Rechnen anerkannt und geschätzt wird. Eltern sollten darauf achten, ihr Kind für Teilerfolge zu loben, anstatt die Aufmerksamkeit auf die Defizite zu lenken. Ihre vorrangige Aufgabe ist es, dem Kind Selbstvertrauen zu geben und die Motivation zu wecken, die bestehenden Schwierigkeiten langfristig und konsequent aufzuarbeiten.

Oft ist es sinnvoll, Kinder mit einer Rechenstörung durch Außenstehende zu fördern. So lassen sich Druck und Frustration leichter vermeiden und die Erfolgsaussichten steigern. Das bedeutet nicht, dass Eltern ihrem Kind selbst nicht beim Üben helfen können, nur sollten alle unterstützenden Maßnahmen immer mit Therapeuten und Lehrern abgesprochen werden.

Hausaufgaben

Es ist hilfreich, wenn die Hausaufgaben fester Bestandteil des Tagesablaufs sind und nach einer Pause möglichst bald im Anschluss an den Unterricht erledigt werden. Kinder sollten die Möglichkeit haben, ihre Hausaufgaben an einem ruhigen Ort mit wenig Ablenkung zu machen. Wichtig ist außerdem, dass die Hausaufgaben selbstständig erledigt werden. Dabei ist elterliche Hilfe und eine Durchsicht der Aufgaben nicht ausgeschlossen, generell sollten Kinder die Hausaufgaben aber als ihre eigene Angelegenheit verstehen.

Für Rechenaufgaben gilt: Die Aufgaben müssen den Fähigkeiten des Kindes angemessen sein. Aufgaben, für die noch das grundlegende Verständnis fehlt, führen nur zu Frustration und bringen Betroffene nicht weiter. Außerdem kann es sinnvoll sein, ein vom Erfolg unabhängiges Zeitlimit zu setzen. Wenn eine Aufgabe grundsätzlich nicht verstanden wird, führt auch eine längere und dadurch oft quälende Beschäftigung damit meistens nicht zum Erfolg.

Schule und Lehrer

Da es keine bundesweit festgelegten Grundsätze zur Förderung von Kindern mit Rechenstörung gibt, existieren nur in einigen Bundesländern Regelungen für Schulen und Lehrer. Diese können bei den Landesverbänden des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie e.V. eingesehen werden. Dort sind zudem Informationen zu außerschulischen und außerhäuslichen Förderungsmöglichkeiten zu finden.

Eltern sollten aufgrund der fehlenden und nicht einheitlichen Regelungen darauf achten, Kontakt mit den Lehrern zu halten und sich für ihr Kind stark zu machen. Mit einigen einfachen Maßnahmen kann so die Situation von betroffenen Kindern oft verbessert werden. Beispielsweise kann es hilfreich sein, wenn das Kind möglichst weit vorne und mit einem geraden Blick zur Tafel sitzt, damit es nicht so leicht abgelenkt wird und in engerem Kontakt mit dem Lehrer steht. Zudem sollten Kinder mit einer Rechenstörung nicht gezwungen werden, an der Tafel vorzurechnen, sondern nur sanft dazu ermutigt werden, dies gelegentlich freiwillig zu tun. Hilfreich ist es auch, wenn die Kinder von Lehrern für Teilerfolge gelobt werden und die Korrekturen bei schriftlichen Arbeiten etwas weniger entmutigend (weniger rot) gestaltet werden. Außerdem können verschiedene Sonderregelungen wie individuell angepasste Hausaufgaben oder verlängerte Prüfungszeiten sinnvoll zu einer Förderung beitragen.

Förderansätze

Für die Förderung von Kindern mit Dyskalkulie gibt es keine feststehenden Konzepte wie etwa bei der Förderung von Legasthenikern. Generell gilt das Prinzip: Rechnen durch Rechnen erlernen. Wichtig ist, dass betroffene Kinder individuell und nach Möglichkeit von erfahrenen Therapeuten und/oder Lehrern betreut werden, die ihnen ein grundsätzliches Verständnis für mathematisches Denken vermitteln können. Außerdem sollten mögliche bestehende psychische Probleme berücksichtigt und gegebenenfalls behandelt werden.


Verlauf der Rechenstörung

Eine Rechenstörung kann sich bereits im Vorschulalter bemerkbar machen, zum Beispiel wenn Kinder starke Schwierigkeiten haben „die Uhr zu lernen“. In der Regel werden die Symptome aber erst beim Rechnen in der Schule deutlich. Kinder mit Dyskalkulie haben durch das fehlende Zahlenverständnis oft auch in anderen Fächern und auch im alltäglichen Leben große Schwierigkeiten. So können bestimmte Angaben wie Datum, Temperatur oder Himmelsrichtung nicht richtig verstanden oder eingeordnet werden. Auch die Orientierung anhand von Karten und Tabellen fällt betroffenen Kindern häufig sehr schwer.

Psychische Probleme

Kinder mit einer Rechenstörung haben oft auch psychische Probleme. Diese können sowohl vorhanden sein, bevor die Dyskalkulie auftritt, als auch in Folge der Störung entstehen. Möglich sind verschiedenste Auffälligkeiten wie Trauer, Angst, Mut- und Lustlosigkeit, Depressionen, innere Unruhe, Aggressivität oder Hyperaktivität (ADHS). Eine Förderung sollte immer auch diesen Aspekt berücksichtigen und entsprechende Behandlungsmöglichkeiten mit einbeziehen.


Vorbeugen der Rechenstörung

Da über die Ursachen von Teilleistungsstörungen wenig bekannt ist, ist es sehr schwierig einer Rechenstörung vorzubeugen. Wird eine Dyskalkulie rechtzeitig erkannt, können eine rasche Diagnose und frühzeitige Förderung aber dazu beitragen, die Lernschwierigkeiten zu minimieren und psychische Probleme zu vermeiden.



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Quellen:
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie
Online-Informationen des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie e.V.: http://www.bvl-legasthenie.de/ (Stand: April 2010)
Renz-Polster, Dr. H. et al.: Gesundheit für Kinder. Kösel, München 2007

 

Autor: Christian Emmerling 
Letzte Änderung am: 17.07.2012
 
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