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Tourette-Syndrom

 Beim Tourette-Syndrom kann die medikamentöse Behandlung durch Entspannungsübungen ergänzt werden

Beim Tourette-Syndrom kann die medikamentöse Behandlung durch Entspannungsübungen ergänzt werden
(Quelle: DAK)

Das Tourette-Syndrom gehört zu der Gruppe der Ticstörungen. Als Tics bezeichnet man unwillkürliche, rasche, wiederholte, nichtrhythmische motorische Bewegungen (gewöhnlich bestimmter Muskelgruppen) oder Lautäußerungen, die plötzlich einsetzen und augenscheinlich keinem Zweck dienen. Motorische Tics zeigen sich häufig als Schulterzucken, Grimassieren, Blinzeln oder Kopfwerfen. Übliche vokale Tics sind Räuspern, Bellen, Zischen und Schnüffeln. Es gibt jedoch auch komplexere Äußerungen wie z.B. sich selbst Schlagen, Springen und Hüpfen (motorisch) sowie Schimpfen (häufig obszön) oder die Wiederholung bestimmter Wörter oder eigener Laute (vokal). Im Gegensatz zu einer einfachen Ticstörung müssen beim Tourette-Syndrom mindestens ein vokaler und mindestens zwei motorische Tics vorhanden sein. Obwohl der Betroffene diese Tics als nicht beeinflussbar wahrnimmt, können sie zeitweise unterdrückt werden. Anfänge der Störung zeigen sich meist bereits in der Kindheit oder Adoleszenz, allerdings müssen sie vor dem 18. Lebensjahr auftauchen. Normalerweise treten die motorischen vor den vokalen Auffälligkeiten auf. Es wird geschätzt, dass in der Bevölkerung zwischen 0,05 und 0,1 % der Bevölkerung betroffen sind. Jungen leiden dabei häufiger unter der Krankheit als Mädchen.


Wie entsteht das Tourette-Syndrom?

Die Ursache des Tourette-Syndroms ist bis heute nicht abschließend geklärt. Für seine Entstehung gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Es scheint, als würden genetische Faktoren eine entscheidende Rolle spielen. So hat man in Familien von Menschen mit Tourette-Syndrom sehr häufig auch Fälle von Zwangserkrankungen gefunden. Weiterhin haben Untersuchungen bei Betroffenen mit Tourette-Syndrom neurologische und neurobiologische Auffälligkeiten zeigen können.

Auch die Umwelt scheint nicht bedeutungslos für die Krankheit zu sein. So gibt es Menschen, bei denen sich die Symptome des Tourette-Syndroms direkt nach einem traumatischen Ereignis zeigen.


Welche Symptome treten bei der Erkrankung auf?

Im Krankheitsverlauf zeigen sich beim Tourette-Syndrom mehrere motorische sowie mindestens ein vokaler Tic (nicht unbedingt gleichzeitig). Sie treten mehrmals am Tag und beinahe jeden Tag für mindestens ein Jahr auf. Damit das Tourette-Syndrom diagnostiziert werden kann, darf in dieser Zeit keine symptomfreie Periode von mehr als drei Monaten auftreten.


Einfache motorische Tics Einfache vokale Tics
Augenblinzeln Husten
Augenbewegungen Schnüffeln
Nasenbewegungen Räuspern
Mundbewegungen Grunzen
Gesichtsgrimassen Pfeifen
Kopfschleudern Tierlaute
Schulterziehen Vogellaute
Armbewegungen
Handbewegungen
Zuckungen am Bauch
Beinbewegungen
Fuß- oder Zehenbewegungen

Komplexe motorische Tics Komplexe vokale Tics
Gesten oder Bewegungen der Augen Silben
Gesten/Bewegungen mit dem Kopf Wörter
Gesten mit Arm oder Hand ungewolltes Aussprechen aggressiver oder obszöner Worte
Mundbewegungen ein- oder mehrmaliges zwanghaftes
Nachsprechen von Wörtern oder Sätzen
Gesten mit der Schulter häufiges Wiederholen von selbstgesprochenen Worten
Beugen oder sich winden Blockierungen
Rotieren um die eigene Achse Atypische Sprachanwendungen
Zeigen unwillkürlicher, obszöner Gesten Enthemmte Sprache
Selbstverletzendes Verhalten
Imitieren bzw. Nachahmen von Tics

Die Betroffenen fühlen sich aufgrund ihrer Krankheit unwohl. Viele Menschen mit Tourette-Syndrom sind deutlich eingeschränkt in ihrem Sozial- und Berufslebens oder in anderen Bereichen.


Wie kann das Tourette-Syndrom diagnostiziert werden?

Eine Diagnose wird aufgrund von Beobachtungen der Symptomatik und Untersuchungen eines mit dem Syndrom vertrauten Arztes gestellt. Dabei wird der bisherige Verlauf der Erkrankung in Betracht gezogen. Um eine neuropsychiatrische Erkrankung auszuschließen, können zusätzlich neurologische Untersuchungen stattfinden. Es sollte auch überprüft werden, ob weitere psychische Störungen (z.B. Depressionen, Zwangsstörungen, Hyperaktivitätsstörungen), die häufig bei Menschen mit Tourette-Syndrom auftreten, vorhanden sind, um diese bei einer Therapie zu berücksichtigen.

Die Diagnose kann gerade bei kleinen Kindern sehr schwierig sein. Manchmal wird eine Aufmerksamkeitsdefizits-/Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert bevor das Tourette-Syndrom erkannt wird.


Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für das Tourette-Syndrom?

Bei der Therapie des Tourette-Syndroms hat sich eine medikamentöse Behandlung als besonders effektiv herausgestellt. Obwohl die Symptomatik erheblich verbessert werden kann, sollten dennoch auch die Nebenwirkungen beachtet werden. Es gibt jedoch verschiedene Medikamente mit jeweils unterschiedlichen Nebenwirkungen, sodass die Behandlung individuell angepasst werden kann.

Ein besonders erfolgreicher Ansatz aus der Verhaltenstherapie ist die Kombinationsbehandlung der Reaktionsumkehr. Der Therapeut versucht dabei mit dem Betroffenen eine motorische Gegenbewegung zur Tic-Reaktion zu trainieren, die den Tic unterbinden soll. Damit soll die Wahrnehmung der automatisierten Tic-Symptome durch Selbstbeobachtung verschärft werden. Gleichzeitig trainiert der Betroffene ein Entspannungsverfahren.

Oft haben Personen mit einem Tourette-Syndrom eine lange Vorgeschichte von negativen Erfahrungen in ihrem sozialen Umfeld. Der Umgang mit der Krankheit wird so erschwert. Deshalb kann eine Psychotherapie sehr hilfreich sein, um die negativen Auswirkungen der Krankheit zu reduzieren. Bei Kindern können sich auch pädagogische Unterstützungsmaßnahmen positiv auf die schulische Leistung auswirken.


Wie verläuft die Erkrankung?

Das Tourette-Syndrom verläuft normalerweise wechselnd. In der Pubertät verstärken sich meist die Tics, welche sich aber im Laufe der Entwicklung erfahrungsgemäß wieder abschwächen. Manchmal verschwinden die Symptome mit der Zeit sogar ganz. Stresssituationen verstärken bei Menschen mit Tourette-Syndrom oft die Symptome.


Kann man dem Tourette-Syndrom vorbeugen?

Da das Tourette-Syndrom wahrscheinlich auf genetische Ursachen zurückzuführen ist, gibt es bis heute keine Maßnahmen, um der Erkrankung vorzubeugen.


Weitere Fragen zum Tourette-Syndrom können Sie an die Expertin Frau Ulrike Held auf www.meinpsychiater.de stellen.


Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen in unserem Wartezimmer Rund um die Nerven aus.


Weitere Informationen erhalten Sie bei der Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V.

Quellen:
American Psychiatric Association: Diagnostic Criteria from DSM-IVTM, Washington, DC 2005
Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S,: Neurologie und Psychiatrie. Für Studium und Praxis. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2002/2003
Interessen Verband Tic & Tourette Syndrom e.V.: http://www.iv-ts.de/tourette.htm
Online-Informationen der Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V.: www.tourette-gesellschaft.de
Petermann, F.:Fallbuch der Klinischen Kinderpsychologie: Erklärungsansätze und Interventionsverfahren. Hogrefe, Göttingen 1997
WHO: Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, Kapitel V (F), Diagnostische Leitlinien, 2.Auflage, Huber, Bern 1993

 

Autor: Laura Felten 
Letzte Änderung am: 09.10.2008
 
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