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Zwangsstörungen

 Zwangsstörungen, wie beispielsweise ein Putzzwang, können den Betroffenen sehr belasten

Zwangsstörungen, wie beispielsweise ein Putzzwang, können den Betroffenen sehr belasten
(Quelle: BananaStock)

Unter einer Zwangsstörung versteht man eine Erkrankung der Psyche, die durch zwanghaft wiederkehrende Gedanken, Impulse oder Handlungen gekennzeichnet ist. Beispiele für Zwangsstörungen sind der Waschzwang oder der Grübelzwang. Die Betroffenen erkennen diese Zwänge klar als zur eigenen Person gehörend und empfinden sie als sinnlos, häufig auch als quälend und beängstigend. Die Zwangshandlungen oder –gedanken bestehen definitionsgemäß über mindestens zwei Wochen an den meisten Tagen. Die Betroffenen versuchen oftmals, gegen sie anzugehen. Meist bleiben diese Versuche jedoch erfolglos.

Eine Zwangsstörung tritt meist im jungen Erwachsenenalter auf. Auch Ältere und Kinder ab dem Vorschulalter können betroffen sein. Die Grenze zwischen normalen, zwangsähnlichen Handlungen und einer Zwangsstörung ist fließend. Schätzungen zufolge leiden etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung an einer Zwangsstörung. Frauen scheinen etwas häufiger betroffen zu sein als Männer.


Wie entstehen Zwangsstörungen?

Man nimmt an, dass für die Entstehung einer Zwangsstörung mehrere Ursachen verantwortlich sind.

Zum einen spielen neurobiologische und genetische Faktoren eine Rolle. Bei vielen Betroffenen mit einer Zwangsstörung sind Medikamente wirksam, welche die Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Gehirn erhöhen. Außerdem ist das Risiko, an einer Zwangsstörung zu erkranken, deutlich höher, wenn Verwandte ersten Grades ebenfalls betroffen sind.

Die Lerntheorie geht davon aus, dass Zwangsstörungen einen engen Zusammenhang mit Ängsten aufweisen. Beispielsweise kann bei ausgeprägter Angst vor Schmutz oder ansteckenden Krankheiten durch Unsauberkeit diese Angst durch penible Sauberkeit angegangen werden. Diese kann dann in einen Waschzwang übergehen.

Die psychoanalytische Theorie zur Entstehung von Zwangsstörungen wurde von Sigmund Freud begründet. Er unterteilte die Kindheit in unterschiedliche Phasen. Demnach durchläuft ein Kind etwa im dritten Lebensjahr die so genannte anale Phase, in der es lernt, seine Ausscheidungen bewusst zu kontrollieren. Die Beschäftigung hiermit empfindet das Kind als lust- und genussvoll. Erfolgt in dieser Phase eine „Störung“ der kindlichen Entwicklung beispielsweise durch übertrieben strenge Sauberkeitserziehung, kann es laut Freud zur Entwicklung einer Zwangsstörung kommen. Das nicht ausgelebte Bedürfnis, sich mit den eigenen Ausscheidungen zu beschäftigen, besteht unbewusst weiter, wird aber als falsch empfunden und kehrt sich als Waschzwang in das Gegenteil um.


Symptome von Zwangsstörungen

Bei Zwangsstörungen unterscheidet man Zwangshandlungen, Zwangimpulse und Zwangsgedanken. Allen Formen der Zwangsstörung ist gemeinsam, dass der Betroffene erkennt, dass der Zwang zur eigenen Person gehört, ihn als sinnlos ansieht und doch unfähig ist, sich ihm zu widersetzen.

Zwangshandlungen sind häufig Kontrollzwänge. Beispielsweise wird wieder und wieder kontrolliert, ob der Herd auch tatsächlich ausgeschaltet, die Tür auch wirklich verschlossen ist. Der Betroffene ist sich der Sinnlosigkeit der wiederholten Kontrolle bewusst. Gibt er dem Zwang jedoch nicht nach, baut sich eine starke innere Spannung auf, die als unerträglich empfunden wird. Indem dem Zwang nachgegeben wird, entsteht vorübergehend das Gefühl des Spannungsabbaus.

Als Zwangsimpuls bezeichnet man das dringende Bedürfnis, eine bestimmte Handlung auszuführen. Meist geschieht dies nicht, der Betroffene leidet jedoch unter ständiger Angst, er könne dem jeweiligen Impuls nachgeben. Es kann sich beispielsweise um aggressive oder sexuelle Impulse handeln oder um Impulse, die gegen die eigene Person gerichtet sind. Zwangsgedanken sind häufig Gedanken, die gegen eine bestimmte Situation gerichtet sind. Beispielsweise haben sie gotteslästerlichen Inhalt, wenn der Betroffene sich in einer Kirche aufhält.

Etwa zwei Drittel der Betroffenen mit einer Zwangsstörung zeigen sowohl Zwangsgedanken als auch –handlungen. Unterschiedliche Zwangshandlungen und –gedanken können nebeneinander auftreten und in Form von Zwangsritualen gesteigert sein.


Diagnose von Zwangsstörungen

Zunächst erfolgen zur Diagnose einer Zwangsstörung das ausführliche ärztliche und im Verlauf das eingehende psychologische Gespräch. Insbesondere bei Kindern kann dieses auch enge Bezugspersonen mit einbeziehen.

Die Diagnose kann gestellt werden, wenn mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen Symptome auftreten. Die Betroffenen erkennen die Zwänge klar als zur eigenen Person gehörend und empfinden sie als sinnlos und unangenehm, können sie jedoch nicht abwehren. Häufig sind sie durch die Zwänge in ihrer allgemeinen Aktivität eingeschränkt. Zur Unterstützung der Diagnosestellung können unterschiedliche Fragebögen eingesetzt werden.

Zum Ausschluss einer organischen Ursache für die Zwangsstörung sollten unterschiedliche ärztliche Untersuchungen wie eine internistische und neurologische Untersuchung erfolgen.


Therapie von Zwangsstörungen

Die besten Effekte bei der Therapie von Zwangsstörungen werden durch eine Kombination von Medikamenten und Psychotherapie erzielt.

Als Medikamente setzt man so genannte Antidepressiva vom SSRI-Typ ein, Diese bewirken eine erhöhte Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Gehirn. Nach etwa zwei Monaten kann beurteilt werden, ob die Medikamente wirksam sind, wenn der Betroffene meint, die Symptome besser kontrollieren zu können.

Bei der Verhaltenstherapie wird der Betroffene bewusst der Situation ausgesetzt, die normalerweise Zwangshandlungen, -gedanken oder –impulse hervorruft. Indem er merkt, dass die Befürchtungen und Ängste trotz Unterdrückung der Zwänge nicht eintreten, kann er diese allmählich zu beherrschen lernen.

Zusätzlich zur Verhaltenstherapie können Entspannungsverfahren wie das Autogene Training eingesetzt werden.


Verlauf von Zwangsstörungen

Zwangsstörungen verlaufen meist chronisch. Je früher die Erkrankung erkannt und behandelt wird, desto besser ist die Prognose. Eine Heilung ist selten möglich, allerdings können die Symptome durch die Kombination von Psychotherapie und medikamentöser Behandlung häufig erheblich gemildert werden.

Wird die Zwangsstörung nicht behandelt, droht den Betroffenen eine kontinuierliche Steigerung der Symptome. Es kann im Verlauf zur Isolation und Vereinsamung kommen. Die Selbstmordgefahr von Menschen mit einer Zwangsstörung ist erhöht, da sie ihre Handlungen oder Gedanken als sinnlos erkennen, sich ihnen aber zunehmend ausgeliefert fühlen und sich ihnen nicht widersetzen können.


Wie kann man Zwangsstörungen vorbeugen?

Es gibt keine sichere Möglichkeit, der Entstehung einer Zwangsstörung vorzubeugen. Der Verlauf einer Erkrankung kann jedoch abgemildert werden, wenn sie frühzeitig erkannt und behandelt wird. Insbesondere in Familien, in denen bereits Zwangsstörungen aufgetreten sind, sollte daher die Aufmerksamkeit hierfür erhöht sein.


Haben Sie Fragen zum Thema Zwangsstörungen? Dann wenden Sie sich an unsere Expertenrat!

Quellen:
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie: Zwangsstörungen. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 028/007 (Stand: November 2006)
Online-Informationen der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.: www.zwaenge.de Stand: Mai 2007
Uexküll, T., Adler R. et al. (Hrsg.): Psychosomatische Medizin, Urban & Schwarzenberg, München 1990

 

Autor: Dr. med. Ulrike Henning 
Letzte Änderung am: 07.10.2008
 
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